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Genuss auf 3000 Höhenmetern

Dass man für ein schönes vinophiles Geschmackserlebnis erst einmal den Weg in den Weinkeller oder ins Restaurant antritt, ist nichts Neues. Aber an einem Tresen aus Schnee mit einem Gläschen in der Hand findet man sich dann doch eher selten vor.

Erst recht nicht in 3000 Metern Höhe und über den Wolken. Wenn dann auch noch der Macher dessen, was man da im Glas hat, direkt neben einem die Skier abschnallt, wird's richtig interessant. Und wenn es dann gleich 15 Winzer mitsamt ihren Weinen sind, winkt Erweiterung des Weinhorizonts. Dies ist weiß Gott kein alltägliches Erlebnis, aber einmal im Jahr hat man die Gelegenheit, diese Erfahrung im Ötztal, zum Ende der Skisaison zu machen.

Dann nämlich ruft das österreichische Hotel Central zu seinem Event "Wein am Berg". 15 Winzer und fünf Köche der Sterne-Gastronomie sind dieses Jahr angereist, um dem Gast hautnahe Einblicke in ihr Schaffen zu gewähren – sprich: es wird gemeinsam verkostet, probiert und sich dabei ausgetauscht. Das Ganze in unterschiedlichsten Locations in Sölden - rund um das Hotel. Sei es im Hotelrestaurant, im Weinkeller, auf der Gondelstation oder in den verschiedenen Restaurants auf der Route, die schließlich oben auf dem Berg gipfelt. Und während unten im Tal schon die T-Shirts getragen werden, kann man sich oben auf dem Gipfel bei angenehmen Temperaturen und Schnee voll und ganz der Kulinarik widmen.

Training mit Skilegenden, Tasting auf dem Gipfel

Wie schmeckt eigentlich ein Wein in 3000 Meter Höhe? Verändert sich da etwas bei der geschmacklichen Wahrnehmung? Dies fragte sich Franz Hirtzberger, beherzter, angesehener Winzer der Wachau, schon vor 15 Jahren anlässlich des zum frisch ins Leben gerufenen Erlebnisgastronomie-Events des Hotels. Er gehörte zu denjenigen, die von Anfang an dabei waren. Und so wurde die Idee des Schnee-Tresens auf dem Berggipfel geboren. "Hier oben sind die Weine einfach strahliger, klarer" so Hirtzberger. "Es kam durchaus schon vor, dass wir mit ein, zwei Weinen im Rucksack zum Überprüfen auf Fehler hier hochgefahren sind."

Nach ausgiebigem Training mit Ski-Legenden Österreichs – wir hatten das Vergnügen, mit dem unsagbar geduldigen vier-fachen Weltmeister André Arnold die Pisten zu erobern – kann sich der Gast sein eigenes Bild von Weingeschmack auf 3000 Metern Höhe machen, verkosten, den Blick genießen, den Winzer ausfragen..

Jeder Winzer, jede Philosophie, jede Geschichte ist anders

Schön, vor solch einem Panorama die Gelegenheit zum Austausch mit interessanten Persönlichkeiten zu haben! So berichtet Etienne Grivot, Eigentümer des burgundischen Weinguts Domaine Grivot sehr geradeaus über seine persönliche -  und die parallele Entwicklung seiner Weinphilosophie in den letzten 40 Jahren.

"Für mich ist ein Wein die perfekte Balance zwischen Glamour, Verträglichkeit, Trinkfluss und Energie". Das macht kurz stutzig: dieser bescheidene, leise auftretende Mann spricht von Glamour? "Ja, es geht für mich fast um eine Art Therapie - und nicht nur um bloßen Spaß. Ich kann keinen Wein ertragen, der zu exzessiv, überreif oder aber zu langweilig ist". Er schenkt aus einer Flasche 2009er Nuits St.Georges 1cru Aux Boudots ein. Am Gaumen haben wir dunkle Früchte, Kirsche, Gewürze, etwas Menthol, alles fügt sich zu einem weichen, intensiven Nachhall.

ice-Q in den Ötztaler Alpen.
ice-Q in den Ötztaler Alpen.

 

"Früher waren meine Weine monolithisch, insichgekehrt, so wie ich damals. Dann hat sich etwas geändert, es entwickelt sich im Leben schließlich immer etwas weiter. Sowohl ich selbst als auch der Wein haben sich verändert" resümiert er. "Zu viel Holz, zu viel Frucht ist nicht meins. Dieser Wein ist pur, würzig, fast orientalisch, aber auch ruhig – das Zusammenspiel macht ́s". Dieser Wein hatte eine lange Mazerationszeit, war 15 Monate im Fass, zwei weitere im Stahltank, um eine perfekte Sedimentation zu erreichen. "Er wurde nicht gefüllt, nicht filtriert" so Grivot. "Wir haben uns in den Jahren in diese Richtung entwickelt, ich und der Wein."

Zurück zur Natur

Auf die Entwicklungsstufen der letzten Jahrzehnte blickt auch Hans Feiler, Seniorchef vom Weingut Feiler-Artinger zurück. Der 75-Jährige schenkt einen 2007er Ruster Ausbruch ein. Die Cuvée aus Pinot Blanc, Pinot Gris und Neubürger ist wunderbar cremig, die zarten Vanille- und Fruchtaromen hallen Dank eines langen Abgangs noch nach während Hans Feiler beginnt zu erzählen. Er erinnert sich an die vielen faktischen und emotionale Stationen auf dem Weg von konventionellem Anbau Richtung Biodynamie: "Nach dem Krieg war alles anders. Wir ernteten zwar fast perfekte Trauben, aber das reichte uns nicht. Wir setzten ganz selbstverständlich lieber auf Masse.

Im darauf folgenden konventionellen Anbau kam gnadenlos Chemie zum Einsatz, mehr Ertrag war im Fokus" erinnert er sich. "Als mein Sohn schließlich die Kehrtwende zur Natur, geringeren Ertrag und Biodynamie vorschlug, bekam ich Angst, so wie alle in meiner Generation: Schaffen wir das? Verstehen das unsere Kunden? Rechnet sich das?" blickt er zurück. "Doch dann erinnerte ich mich an die Zeit nach dem Krieg. An die wunderbaren Trauben, die wir ohne den Einsatz von Chemie und Blick auf Ertragsmaximierung hatten. Und ich wagte den Schritt: ich habe sogar Kurse in biologischem Weinbau belegt – und habe es nie bereut. Wir wollten einfach nur guten Wein machen. Und das hat funktioniert. Heute arbeiten wir im Einklang mit der Natur und erreichen auf diesem Weg die gewünschte Qualität – sogar Pfirsichbäume wachsen inzwischen in unseren Weingärten."

Wenn Wein verbindet

Gunter Künstler, Chef des Weinguts Franz Künstler, fragen wir hoch oben am Schneetresen nach seiner Maxime. Mit Skihandschuhen bepackt schenkt er von seinem seinen 2013er Riesling Hochheim Hölle GG ein. Die Trauben des von kalkhaltigen Ton-Böden geprägten Weins stammen von 50 Jahre alten Reben. Der Riesling zeigt sich komplex, mit einer wunderbaren Fülle und Länge, dabei mineralisch und elegant mit Noten von weißem Pfirsich. "Ich will keine Handschrift hinterlassen", so Künstlers überraschendes Statement. Das ist nicht unbedingt jedes Winzers Ziel oder Aussage! "Nein, meine Linie ist eine andere", erklärt er. "Das, was den Boden prägt, soll in die Flasche kommen, ebenso wie eine optimale Wiedergabe dessen, was die Traube möglich macht! Ich fühle mich fast wie eine männliche Hebamme. Was mich interessiert ist das Getränk – der Wein. Und der Wein, der zu Medizin wird." Wie bitte? Wein der zu Medizin wird? "Ja, neben den durchaus auch gesunden Inhaltsstoffen: Wein verbindet, er hat eine euphorisierende Wirkung und daher tut er den Menschen gut."

Und damit zurück zum Thema Wein am Berg als Gesamtkonzept: hier hat der Gast auf eine unkomplizierte Weise die Möglichkeit, sich einen Einblick in die Facetten der Weinwelt und Sterne-Küche zu verschaffen - ganz nah dran am Geschehen und den Menschen die dahinter stehen. Mit viel Spaß am Erfahren, Genießen, Austausch. Das Ganze innerhalb einer glücklichen Mischung aus pittoresker Bergwelt, Genuss gepaart mit Bodenständigkeit, Information und Erholung.

Wer sich einen Überblick über teilnehmende Weingüter, Wein, Küche sowie Programm verschaffen will, findet auf folgenden Seiten weitere Information:

http://www.weinamberg.at
https://www.central-soelden.com

Fotos: Wein am Berg / Rudi Wyhlidal, Carola Faber

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Zuletzt bearbeitet am 21/08/2016

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