Dão statt Douro (Teil 2)

Genossenschaften im Weinbau genießen oftmals nicht den besten Ruf. Inzwischen geben sich allerdings einige der Genossenschaften in Portugal (wie zum Beispiel die Adega Cooperativa de Penalva) durchaus anspruchsvoll...

Dennoch sind es vor allem Winzerinnen wie Kemper und Santos, die die Region, seit 1990 als DOC-Region (Denominação de Origem Controlada) klassifiziert, mit ihrem Ehrgeiz voranbringen. Neben Familienbetrieben ruft diese Aufbruchsstimmung natürlich auch größere Player auf den Plan. Exakt im ersten DOC-Jahr 1990 ging Global Wines S.A. an den Start, damals unter dem Namen Dão Sul. Das erklärte Ziel: der größte Erzeuger im Dão zu werden. Das ist dem Unternehmen aus Carregal do Sal längst gelungen. Global Wines bewirtschaftet heute sechs eigene Weingüter in allen wichtigen Regionen Portugals sowie im Nordosten Brasiliens am achten Breitengrad, einem der äquatornächsten Anbaugebiete der Welt.

Der beste Ort, um die Dão-Weine von Global Wines zu verkosten, ist das wunderschöne, aristokratisch geprägte 1000-Einwohner-Dorf Santar, nur 15 Autominuten von Viseu entfernt, im Herzen des Anbaugebietes. Treff- und Angelpunkt ist Paço dos Cunhas de Santar. Auf dem Anwesen wird bereits seit mehr als 400 Jahren Wein gekeltert, die Tradition ist überall spürbar, auch wenn längst in neue Technologien investiert wurde. Das touristische Angebot umfasst Weinberg- und Kellerbesichtigungen, Kurse und Proben. In dem ambitionierten und in der ganzen Region bekannten Restaurant, das sich in einem liebevoll renovierten Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert befindet, essen auch die Einheimischen gerne. Natürlich sollte man hier die lokalen Weine von Paço dos Cunhas und Casa de Santar kosten. Im Ausland am bekanntesten ist jedoch Cabriz, ein weiterer Dão-Brand unter dem Dach von Global Wines.

Weine von der Casa de Santar.
Weine von der Casa de Santar.

 

Santar ist jedoch noch aus einem ganz anderen Grund einen Besuch wert. 2013 beschloss die Familie Vasconcellos e Souza, eines der ältesten Adelshäuser Portugals, ihren Stammsitz nicht nur zu restaurieren, sondern ihn auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Landgut beherbergt heute ein Museum, in dem unter anderem Kutschen ausgestellt sind, mit denen damals verreist wurde. Noch interessanter ist aber der große Park, der nicht nur die Ländereien der Familie umfasst, sondern auch die der Nachbarn und deren Weinberge.

Der mit dem Projekt Santar Vila Jardim beauftragte Architekt Fernando Caruncho ließ dazu Mauern niederreißen und neue Wege anlegen. Das in Zentralportugal einmalige Ensemble entzückt inzwischen Gartenliebhaber aus der ganzen Welt. Im Frühjahr blühen hier Tausende von Magnolien, später im Jahr Rosen, darunter viele seltene Züchtungen. 2021 wird zudem ein neues Fünf-Sterne-Hotel samt Spa eröffnen. Ach ja: Eigene Weine keltert die Familie natürlich auch. Verantwortlich dafür zeichnet Pedro de Vasconcellos e Souza, der als Winzer lange im Bordeaux Erfahrung sammelte. Derzeit auf dem Markt ist sein Vila Jardim Santar Tinto 2016 aus 60 Prozent Touriga Nacional, 30 Prozent Alfrocheiro und zehn Prozent Alicante Bouschet – für rund 15 Euro ist das für viele Experten einer der besten Weine weltweit in dieser Preisklasse.

Bezaubernde Welt für Gartenliebhaber...
Bezaubernde Welt für Gartenliebhaber...

 

Die Região Centro ist somit auf bestem Wege, sich zu einer Genuss-Destination par excellence zu entwickeln. Gutes Essen servieren selbst die einfachen Pousadas, die Lokale der Dão-Weingüter sowieso. Es ist deshalb kein Zufall, dass auch der erste Michelin-Stern in der Geschichte des Bezirks Viseu 2020 an ein von Reben umzingeltes Lokal ging: Das Mesa de Lemos ist das Projekt der Familie Lemos und deren gleichnamiger Quinta mit 25 Hektar Anbaufläche, 3.000 Olivenbäumen und zahlreichen Bienenstöcken. Wer vom nahen Viseu anreist, sieht schon von weitem den spektakulären Zickzackbau aus Beton und Glas, der von dem bekannten Architekten Carvalho Araújo stammt. Hinter den großen Glasfronten beginnt das Reich von Chefkoch Diogo Rocha, der seit der Eröffnung 2014 an Bord ist und dessen kulinarische Handschrift die Küche prägt.

Chefkoch Diogo Rocha.
Chefkoch Diogo Rocha.

 

Bereits im Alter von neun Jahren begann Rocha, ein Sohn der Region, seinem Vater in dessen Catering-Unternehmen zu helfen. Nachdem er mit 14 die Schule verlassen hatte, absolvierte er eine Ausbildung in der mit drei Michelin-Sternen dekorierten Vila Joya an der Algarve. Später arbeitete er auch mit der portugiesischen Kochlegende Vítor Sobral. Das Mesa de Lemos eröffnete ihm die Chance, einen eigenen Stil zu finden und weiterzuentwickeln. Seine beiden Menüs (fünf oder sieben Gänge à 80 oder 100 Euro) sind eine Reise durch ganz Portugal, von der Algarve, wo die Sardellen herkommen, bis zu den Azoren, von denen der Zackenbarsch stammt. Viele Zutaten wie Gemüse und Kräuter werden im Garten der Quinta angebaut, das Lamm kauft er bei einem Schäfer im nahen Caramulo. Das Beste aber: Das Wine Pairing (25/40 Euro) bestreitet er komplett mit Etiketten der eigenen Quinta de Lemos. Man hat dabei nie den Eindruck, dass ihm für einen Teller der passende Tropfen fehlen würde. Weil jedoch auch die Dão-Weine Alkohol enthalten, ist es eine gute Idee, den Wagen stehen zu lassen und in den modern gestalteten Zimmern des Mesa de Lemos zu übernachten. Am nächsten Tag kann man dann bei einem Picknick jene Weine verkosten, die am Vorabend ausgelassen wurden.

Genusserlebnis im Mesa da Lemos.
Genusserlebnis im Mesa da Lemos.

 

Informationen:

Allgemeine Auskünfte
Tourismusverband Centro de Portugal: www.centerofportugal.com, Casa Amarela, Largo de Sta. Cristina, 3500-181 Viseu, T: +351 232 432 032

Anreise
Von deutschen Flughäfen nach Porto und von dort weiter mit dem Leihwagen

Wohnen
In Viseu in der Pousada de Viseu ( www.pousadadeviseu.com ), einem ehemaligen Krankenhaus nahe des historischen Zentrums. Das Gebäude wurde 2009 von dem bekannten Architekten Gonçalo Byrne komplett saniert und in ein ansprechendes Hotel verwandelt, das zu Pestana ( www.pestana.com ), der größten Hotelkette Portugals, gehört.

Modern designte Zimmer bietet das Mesa de Lemos an: https://mesadelemos.com

Eine der besten Adressen der Region befindet sich in den Bergen der Serra da Estrela oberhalb des Städtchens Manteigas. Dort führen die beiden Lissaboner João Costa Tomás und Isabel Costa, die ihre Karrieren als Wirtschaftsanwalt beziehungsweise Marketing-Managerin aufgegeben haben, das Vier-Sterne-Haus Casa das Penhas Douradas ( https://casadaspenhasdouradas.pt ) und seit 2018 das Casa de São Lourenço ( https://casadesaolourenco.pt ), das einzige Fünf-Sterne-Hotel in der Serra.

Weingüter
https://quintadelemos.com
https://juliakemperwines.com
www.caminhoscruzados.net 
https://santarvilajardim.pt
www.globalwines.pt 

Santar Vila Jardim
www.santargardenvillage.com 

Stadtführung in Viseu
www.neverending.pt 

Geführte Wanderungen und Radtouren in der Serra da Estrela
https://www.portugal-a2z.com

Historische Dörfer Zentralportugals (sehr sehens- und besuchenswert!)
https://aldeiashistoricasdeportugal.com

Medien
Sara Anna Danielsson: "Portugals Norden. 25 Wanderungen in wilder Natur", Outdoor-Handbuch Band 410, Conrad Stein Verlag, www.conrad-stein-verlag.de
"Diogo Rocha Today", Foto-Buch mit Rezepten des Sterne-Kochs, zu beziehen über die Quinta de Lemos

 

Impressionen:

Fotos: Günter Kast, Weingüter, Tourismusverband Centro de Portugal

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Zuletzt bearbeitet am 19/11/2020

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Autor

Günter Kast

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