Castello di Brolio: die schönste Sackgasse der Toskana (Teil 1)

1885 war ein bedeutendes Jahr für das Castello di Brolio, das sich südlich Gaiole in Chianti im Ortsteil San Regolo hoch über der Siedlung Madonna a Brolio erhebt. Denn da erhielt das seit 1141 im Besitz der Adelsfamilie Ricasoli befindliche Landgut eine dampfbetriebene Ölmühle – die allererste in Italien!

Und bis heute hegt und pflegt das riesige, 1200 ha große Landgut rund um sein Herzstück, das mächtige Kastell, auf immerhin noch 26 Hektar Oliven. Ergebnis ist dann alljährlich ein phantastisches Olivenöl: "Brolios flüssiges Gold", hergestellt als Blend aus den traditionsreichsten toskanischen Olivensorten. Und nicht genug damit: Alljährlich kommt noch ein Juwel hinzu! Denn mit dem Olio Extra Vergine di Oliva Monocultivar wird ein Olivenöl hergestellt, dass aus nur einer jeweils ausgewählten Sorte besteht.

Das dies alles nicht so selbstverständlich ist, zeigt ein Blick ins Jahr 1985: Damals starben Tausende Olivenbäume in der Toskana ab. Ursache war ein gravierender Kälteeinbruch. Nur allmählich erholte man sich von diesem Desaster und pflanzte neu, auch im Castello di Brolio. Und als Francesco Ricasoli, 32. Baron dieser ältesten Florentiner Adelsdynastie, 1993 hier die Verantwortung übernahm, war sicher alle Hände voll zu tun. Heute ist die alte Ölmühle zur Rezeption mit Vinothek gewandelt, einen weiteren Teil belegen die Büroräume der weltweit erfolgreichen Ricasoli-Geschäftsaktivitäten.

In der Vinothek, die natürlich vor allem die eigentlichen Stars des Castello di Brolio, die sagenhaften, bis auf 99 von 100 möglichen Punkten topbewerteten Cru von Ricasoli präsentiert, treffen wir Elisabetta Doná dalle Rose zur Führung über das Anwesen. Denn das Castello di Brolio ist keineswegs nur ein Landgut für Weine und Olivenöle der Spitzenklasse. Es ist beinahe ein Gesamtkunstwerk: Wein, Geschichte, Kunst und Kultur gehen hier eine perfekte Liaison ein, machen das Castello di Brolio heute zu einem hochgeschätzten önotouristischen Ziel.

Die Weine in der Osteria di Brolio.
Die Weine in der Osteria di Brolio.

 

Zwar wird Baron Franceso Ricasoli, den wir später unterhalb der Burg zum Dinner in der erstklassige Küche offerierenden Osteria di Brolio treffen, ist zwar der Ansicht, dass das Castello di Brolio von seiner geographischen Lage her nicht besonders begünstigt ist. Es liege eher an einem "Cul de Sac", quasi am Ende eiern Sackgasse. Doch so ganz stimmt dies nun auch nicht.

Denn einerseits führen durchaus mehrere gut ausgeschilderte Wege hierher in diese Bilderbuchlandschaft des Chianti Classico. Und andererseits finden jährlich auch bis zu 50 000 Besucher den Weg hierher! Dass dies so gekommen ist und selbst zu den Corona-Zeiten 2020 Besucher kamen, ist sicher auch dem Baron zu verdanken. So ist das Castello di Brolio schon seit 1997, dem Gründungsjahr des legendären Radklassikers Eroica, der Hauptsponsor. 2009 nahmen knapp 9000 Radfahrer an dieser in unterschiedlichen Etappenlängen durchgeführten Tagestour über die Schotterpisten im Gebiet des Chianti Classico teil. Dies natürlich nur auf historischen Rennrädern.

Im hochmodernen riesigen Weinkeller rechterhand der Vinothek ist sogar ein kleiner Teil einer Rennradausstellung mit Unikaten sogar vom Ende des 19. Jahrhunderts eingerichtet. Und gegenüber der Vinothek öffnet die Agribar, die auch Caffé Eroica Brolio genannt wird. Direkt vor der Tür des Radlercafés, an dem sich morgens um sieben auch die Erntehelfer und Mitarbeiter des Landgutes zum Arbeitsbeginn treffen, starten alljährlich im Herbst die Eroica-Fans.

Fünftältesten Familienunternehmen der Welt

Dass indes die Geschichte der Ricasoli so erfolgreich verlief und sie heute zum fünftältesten Familienunternehmen der Welt macht, ist vor allem Burgbauherr Bettino Ricasoli zu verdanken. Denn Bettino war nach Camillo Cavour ab dem 12.6.1861 bis zum 3.3.1862 zweiter Ministerpräsident Italiens. Und diesen Posten bekleidete er nochmals ab dem 20.6.1866 bis zum 10.4.1867. Vor allem ihm ist daher das kleine, in vier Zimmern eingerichtete Burgmuseum gewidmet.

Weingut mit viel Geschichte und Landschaft...
Weingut mit viel Geschichte und Landschaft...

 

18-jährig Waise geworden, musste er schon früh Verantwortung übernehmen. 1838 zog er sich in den Stammsitz Castello di Brolio zurück und entwickelte diesen Besitz dank vielfältigem wissenschaftlichen Interesse und starkem moralischem und wirtschaftlichem Impetus auch gegen sich selbst zum Vorzeige-Musterbetrieb, was ihm allerdings auch den Namen "Barone di ferro", "Eiserner Baron", eintrug.

1847 gründete der auch politisch Interessierte die Zeitung "La Patria". Zu sehen sind seine akribische geologische Sammlung, Seidenraupen, denn der Baron versuchte sich auch in der Seidenraupenzucht, auch eine Zeichnung, ein Selbstportrait des Vielbegabten am Mikroskop sowie natürlich sein Schreibtisch, über dem ein Gemälde die wichtigste Begebenheit in der Geschichte der Burg zeigt.

Der Maler Luigi Norfini hielt diese Begegnung zwischen Bettino sowie Bruder Gaetano Ricasoli und dem ersten König Italiens, Vittoria Emanuele II, vor Schloss Brolio fest. Doch der Monarch nächtigte nicht wie angedacht im Kastell. Und so blieben das ausgestellte Bett und die weiteren Nussbaummöbel im Königszimmer unberührt vom königlichen Glanz. Beeindruckend ist schließlich sogar ein originaler Brief, den der spätere "eiserne Kanzler" Otto von Bismarck im Dezember 1866 an den eisernen Baron schrieb.

In der Waffenkammer, der Armeria von Schloss Brolio, kann man schließlich sogar ein wahres Waffenarsenal bewundern. Helme aus dem 13. Jahrhundert, sogar eingebeulte, zeugen vom unendlichen Kampf der auf der Seiten von Florenz kämpfenden Ricasoli gegen Siena. Das ging nicht immer gut. 1252 waren die Sienesen in der Burg, 1434 wurde sie belagert, nochmals 1452. Und am 27.8.1478 bombardierten die Sienesen sogar Brolio und hauten alles kurz und klein. Aber Florenz soll den Wiederaufbau bezahlt haben.

Und so nahm der Wiederaufstieg der Ricasoli seinen Lauf. Schon 1696 verschiffte man exzellente Weine nach Amsterdam und England. Und 1722 sicherte sich der Herzog von Norfolk in einem Schreiben an einen Repräsentanten von Brolio in London monatlich 50 oder mehr Fässer des "wahren Chianti" aus Brolio. Und 1773 sollen sich gar über 1000 Fässer Wein im Lager von Brolio befunden haben, dessen Geschmack und Qualität dem des damals führenden Toskana-Weins aus Carmignano entsprach, der indes aber leichter war.

Der Weinkeller des Weinguts.
Der Weinkeller des Weinguts.

 

Und so entstand durchaus jener Reichtum, den ausgewählte Besucher dann auch in den Privatgemächern des Schlosses bewundern können. Zwischen flämischen Gobelins und massiven Eichenholzmöbeln drehte Bernardo Bertolucci hier 1995 Teile seines Spielfilms "Gefühl und Verführung", der 1996 uraufgeführt wurde. Auf Italienisch heißt er passender "Io ballo da sola", "Ich tanze allein". Und ein wenig so, in jedem Fall einsam, wird sich hier auch jener Ricasoli gefühlt haben, der hier als Letzter lebte.

Der heutige Baron wohnt längst außerhalb der Burg. Immerhin kamen 1953 noch die junge Sophia Loren und John Steinbeck als prominente Besucher. Zuvor war die Burg im Zweiten Weltkrieg zweimal besetzt. Kampfspuren sind noch an der Portraitbüste einer Ricasoli-Ahnin erkennbar. Aber spätestens, wenn man auf die weitläufige Burgterrasse tritt und auf die einzigartige, von Weinbergen durchzogene Landschaft blickt, ist diese Burg am Ende der "Sackgasse" einer der schönsten Orte der Toskana, wenn nicht Italiens.

Information:
Castello di Brolio, Località Madonna a Brolio, 53013 Gaiole In Chianti, Provinz Siena, Region Toskana, Italien, Tel. +39 0577 73 02 80, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., https://ricasoli.com/de/

Fotos: Ellen Spielmann, Ricasoli

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Zuletzt bearbeitet am 21/11/2020

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