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Gorgona: Wein von der Gefängnisinsel! (Teil 2)

Dann aber geht es hinauf in lichte Höhen von bis zu 250 m über dem Meeresspiegel und zum Amphitheater der Weinberge, wo Lamberto Frescobaldi und sein weithin gerühmter Chef-Önologe, Dr. Nicoló D`Afflitto, kenntnisreich den keineswegs einfachen Weinbau auf Gorgona erklären.

Eines hilft in jedem Fall. Der herrliche, seit 150 Jahren nahezu unberührte Inselwald auf den Inselkämmen – ein perfekter Schutz vor Kälte, Wind und Sturm, eine Feuchtigkeit und Schatten spendende Quelle dazu und mit der urwüchsigen Insel-Macchia Garant des Weinbau-Erfolges. Überhaupt ist Dr. D`Afflitto überglücklich über das Gorgona-Projekt. Für ihn ist es die einmalige Chance, hier erstmals und mit einfachsten Mitteln inmitten der salzhaltigen Luft einen großartigen weißen Inselwein, den "Gorgona" aus Vermentino- und Ansonica-Trauben herzustellen. Ein Fall für die Geschichtsbücher des italienischen Weinbaus schlechthin!

Bevor es aber zur Verkostung kommt, erleben wir noch den Besuch der schlichten Cantina, wo die jährlich 9000 Flaschen dieses kostbaren Weißweins produziert werden. Und wir erleben weitere Werkstätten und Bauernhöfe auf der Insel, wo Rinder, Schafe und Ziegen gezüchtet und Bienenstöcke gepflegt werden, wo ein sagenhaft guter Ricotta-Käse entsteht und herrlicher Honig gewonnen wird, die ebenfalls wie auch das auf den Hängen nebenan gewonnene Olivenöl in der kleinen Bar der Hauptverwaltung zum Verkauf angeboten werden.

Lamberto Frescobaldi und Nicoló D`Afflitto.
Lamberto Frescobaldi und Nicoló D`Afflitto.

 

Seit sieben Jahren kommt nun auch Wein hinzu, seit 2016 sogar ein winzigen Mengen auch der Rotwein "Gorgona", der aber nicht zum Verkauf steht. Vorbei an vielhundertjährigen Olivenbäumen geht es schließlich zur Terrasse der Hauptverwaltung, wo zahlreiche Gefangene längst ein fantastisches Buffet zu Ehren der Verkostung des neuen Weißweins Gorgona 2018 aufgetischt haben. Unter den schattenspenden Sonnenschirmen kann man zwischen zig herrlichen Spezialitäten wählen, deren Zutaten großenteils und deren Herstellung komplett auf Gorgona erfolgte.

Und tatsächlich sind die hier der hungrigen Medienmeute servierenden Gefangene zurecht höchst stolz auf die in akribischer Arbeit erreichten kulinarischen Höhen. Einzig das Plastikgeschirr und die Plastikbecher stören – aber dies ist möglicherweise auch ein Attribut an die Sicherheit auf der Insel. In jedem Fall schreit Markgraf Lamberto zügig zur Tat, greift zum Korkenzieher und öffnet die ersten Flaschen des herrlichen "Gorgona 2018", prüft kundig den möglichen Korkengeruch und schenkt dann den umstehenden ein.

Das Ergebnis ist herausragend, ein zweifellos mediterraner Wein, der Gorgonas Terroir perfekt wiederspeigelt: Macchia, Frische und Würzigkeit! Da ist der genannte stolze Verkaufspreis von keineswegs die Kosten deckenden 90 Euro die Flasche eher nebensächlich! Dieser Gorgona 2018 wird durch seine Qualität die Märkte erobern. Und dies sei, so Markgraf Lamberto, auch nötig. Denn niemand spende zweimal hohe Summen für einen Wein aus einem noch so gut gemeinten Sozialprojekt, der am Ende nichts tauge.

Gorgona 2018: Macchia, Frische und Würzigkeit!
Gorgona 2018: Macchia, Frische und Würzigkeit!

 

Tatsächlich setzt der weiße Gorgona 2018 volle Pulle auf die Freiheit. Da sind das satt schimmernde, strohfarbene Gelb und die in der Sonne glänzenden goldenen Reflexe. Da ist das aromatisch komplexe, fruchtige schmeichelnde Bouquet mit Macchia-Aromen von Thymian, Rosmarin, Strohblumen und feinen Noten von Ginster. Und natürlich insgesamt ein intensiver, äußerst einnehmender Geschmack.

Und in diesem Jahr hat man auch erneut nicht am Etikett gespart oder gar geknausert. Im Gegenteil: Zum ersten Mal gelangte der Gorgona-Wein in eine Umhüllung aus Papier, die der Weinflasche den Charakter einer "Sonderausgabe" verleiht. Das Blatt zeigt eine Karte der Insel Gorgona von 1851, samt ihres Küstenverlaufs und den vielen kleinen Buchten, die zahllose Inselgeheimnisse hüten. Da ist die elegante Cala Scirocco, da ist der Zufluchtsort der Mönchsrobbe, die Grotta del Bue marino, oder da ist die majestätische Cala Maestra, wo am Meeresgrund 15 byzantinische Anker bis heute stumme Zeugen eines verheerenden Schiffsunglücks sind. 9000 Flaschen werden in diesem Jahr in den internationalen Handel zwischen New York und Hongkong gelangen.

Und Besitzer dieser Rarität dürfen sich glücklich schätzen! Auch, weil Sammler längst weitaus höhere Preise für dieses Unikum zahlen. Kurzum: Als im September 2013 Giorgio Napolitano, Italiens damaliger Präsident, die allererste Magnum-Flasche (1,5 l) "Gorgona" in Empfang nahm, konnte noch niemand den grandiosen Erfolg dieses italienischen Gefängnisinselweins erahnen. Nun scheint die konsequente Strategie des Markgrafen Frescobaldi aufzugehen.

Von Gorgona ist noch keine Flucht eines Insassen geglückt.
Von Gorgona ist noch keine Flucht eines Insassen geglückt.

 

Ab 2020 sollen erstmals sogar schwarze Zahlen mit dem Projekt geschrieben werden. Tatkräftige Unterstützung erfuhr und erfährt das Projekt auch von der Prominenz. Schon 2013 war es Italiens blinder Startenor Andrea Bocelli, der seine Meinung zu Wein und Musik auf dem historischen, wie eine Zeitungsausgabe gestylten Etikett kundtat. Verantwortlich für die Frescobaldi-Etiketten ist das Florentiner Studio Doni & Associati, das auch das neue Logo der Frescobaldi Group mit dem Familien-Sinnspruch "Spera in Deo" ("Hoffe auf Gott") gestaltete. 2018 auch auf Gorgona anwesend war auch Giorgio Pinchiorri, der in seiner weltweit renommierten Florentiner Enoteca Pinchiorri nun auch Gorgona-Weine zu inseltypischen Gerichten anbietet.

Und schließlich kann man natürlich auch im Florentiner Ristorante Frescobaldi Firenze direkt an der Piazza della Signoria 12 die edlen Gorgona-Weine testen. Manchmal auch den roten, der an nur 728 Rebstöcken auf Gorgona mit perfekt akklimatisierten Vermentino Nero-Trauben entsteht. Alles in allem aber profitieren die 90 Strafgefangenen auf Gorgona am meisten, auch wenn die Flucht von der Insel bisher noch keinem gelang. Aber die grandiose Umsetzung der Idee, den Duft der Freiheit in eine Flasche zu korken, ist ja auch ein mehr als adäquater Ausgleich. Nur Marchese Lamberto Frescobaldi hat sich seit 2012 einiges angetan. Was als kleines Sozialprojekt begann, wächst sich aus. Er war nun schon mehr als 100 Mal auf Gorgona – und feierte hier vor kurzem sogar seine Silberhochzeit.

Information Weine:
Marchesi de` Frescobaldi, https://de.frescobaldi.com/
Gorgona-Weine: www.frescobaldi.com/i-vini/gorgona, https://de.frescobaldi.com/gorgona/
Gorgona-Weinverkauf Deutschland: z. B. bei Ludwig von Kapff, www.ludwig-von-kapff.de/frescobaldi-700-jahre-toskanische-spitzenweine/ , www.ludwig-von-kapff.de/frescobaldi-gorgona.html

Toskanische Küche und Verkostung Frescobaldi-Weine:
Ristorante Frescobaldi Firenze, www.frescobaldifirenze.it

Allgemeine Information zu Gorgona:
Infopark, www.parcoarcipelago.info

Tagesbesuche auf der Insel Gorgona:
Tagesausflüge/Inselführungen: Toscana Mini Crociere (in Kooperation mit verschiedenen Anbietern, vor allem Toscana Trekking www.toscanaminicrociere.it/gorgona-2/
Gültigen Ausweis nicht vergessen!
Toskana Trekking: www.toscanatrekking.it/Gorgona%2023mar19.htm

Weitere Anbieter:
Ufficio Guide, www.ufficioguide.it/itinerari/gorgona.htm ; Ticket: ab 40 Euro
Naturatour, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it./2019/05/10/escursioni-e-visite-allisola-di-gorgona-livorno/

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 16/01/2020

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