"Freunde fürs Leben" – Unterwegs in Weinland Franken

Ob es ein Zufall ist, dass der Verlauf des Mains zwischen Aschaffenburg und Schweinfurth aus der Vogelperspektive an ein überdimensionales "W" erinnert?

Tatsächlich erstrecken sich auf diesem Abschnitt entlang des Mainufers und weiter an den geschützten Westlagen des Steigerwades die bedeutendsten Rebflächen Weinfrankens. Immerhin Deutschlands sechstgrößtes Weinabbaugebiet, in dem aktuell rund 6.200 Hektar bewirtschaftet werden und dessen Weine bis heute oft in der charakteristischen Boxbeutelflasche abgefüllt werden, der von Designer Peter Schmidt 2015 ein kräftiges Facelift verpasst wurde und die seitdem deutlich kantiger daherkommt.

Die Geschichte des Weinbaus in Franken blickt mittlerweile auf eine rund 1250jährige Tradition zurück. Die Ursprünge sind dabei untrennbar mit dem Namen Karls des Großen verbunden, der Ende des 8. Jahrhunderts durch großzügige Schenkungen an mehrere Klöster entlang des Mains die Grundlagen für die fränkische Weinbautradition gelegt hat. Tatsächlich ist aber nur wenigen Weinfreunden bewusst, dass Franken im Hochmittelalter mit damals rund 40.000 Hektar das größte Weinanbaugebiet des Heiligen Römischen Reiches nördlich der Alpen war. Im 19. Jahrhundert erlebte der Frankenwein dann im Zuge von Säkularisation, Reblausplage und fortschreitender Industrialisierung, die neue, weniger beschwerliche Arbeitsplätze als im Weinberg schuf, allerdings einen dramatischen Niedergang.

Die Anbauflächen schrumpften bis zur Mitte des 20 Jahrhunderts um rund 95%. Erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts nahm der Weinbau in der Region endlich wieder Fahrt auf, da die Preise für den rar gewordenen, aber – im Gegensatz zu anderen deutschen Anbaugebieten zu dieser Zeit – in hervorragender Qualität produzierten Frankenwein regelrecht explodierten. Kein Wunder, dass sich die Anbauflächen deshalb innerhalb der vergangenen vier Jahrzehnte mit aktuell rund 6.200 Hektar mehr als verdreifachten, was freilich teilweise auf Kosten der Qualität ging. Heute dagegen stagnieren die Rebflächen oder sind sogar wieder leicht rückläufig, vor allem in den schwer zu bewirtschaftenden Steillagen. Doch dazu später mehr.

Weinland Franken...
Weinland Franken...

 

Dominiert wird der fränkische Weinbau heute mit einem Anteil von fast 80% ganz klar vom Weißwein. Allen voran Müller-Thurgau und natürlich Frankens Paraderebsorte Silvaner, die zusammen fast 50% der gesamten Rebflächen des Anbaugebiets ausmachen. Dabei gilt vielen Weinfreunden insbesondere der Silvaner quasi als DNA fränkischer Weinkultur. Und tatsächlich liefert kein anderes deutsches Anbaugebiet qualitativ so hochwertige – und abwechslungsreiche – Weine dieser Rebsorte. Außerdem werden Bachus, Scheurebe, Kerner, Weißburgunder und Riesling geerntet. Im Rotweinbereich dominieren Spätburgunder und Domina, die vor allem in Churfranken in hervorragender Qualität erzeugt werden.

Die berühmtesten (Weißwein-)Weinlagen Frankens klingen in den Ohren von Liebhabern dabei wie Musik, genießen Kreszenzen vom Würzburger Stein, dem Randersackerer Pfülben, vom Iphöfer Julius-Echter-Berg, dem Rödelseer Küchenmeister oder vom Escherndorfer Lump doch teilweise Weltruf. Nicht zu vergessen die ebenso voluminösen wie hocheleganten Roten vom legendären Centgrafenberg im Spätburgundermekka Bürgstadt.

Dass sich jedoch gerade der vergleichsweise "neutrale" Silvaner in Franken zu ungeahnten Höhen aufschwingt, liegt vor allem daran, dass keine andere Rebsorte – gerade wegen ihres von Haus aus eher zurückhaltenden, ja auf den ersten Schluck fast schüchternen wirkenden Charakters, so gut das Terroir widerspiegelt, auf dem sie gedeiht, wie der Silvaner. Ganz egal ob tiefroter Bundsandstein entlang des Untermains, mineralischer Muschelkalk am Maindreieck oder Gips-Keuper im Steigerwald – alle prägen dem Silvaner ihren unverwechselbaren Stempel auf.

Der hieß in Franken bei seiner Einführung Mitte des 17. Jahrhunderts übrigens noch Österreicher, wo die Rebsorte ursprünglich herstammt, bei unseren Nachbarn heute aber praktisch keine Rolle mehr spielt. Tatsächlich ist urkundlich belegt, dass am 10. April 1659 in Castell zum ersten Mal auf deutschem Boden Silvaner gepflanzt wurde. 1665 ließ Alberich Degen, Abt des Klosters Ebrach, dann in der schon damals berühmten Lage Würzburger Stein einen Silvanerweinberg anlegen. Der Rest ist Geschichte.

Terrasse in Franken...
Terrasse in Franken...

 

Gerade Freunde fruchtbetonter Rebsorten, wie z.B. Riesling, haben im ersten Moment oft etwas Mühe, mit Silvaner warm zu werden, der im Bukett allenfalls ein wenig grünen Apfel oder Williamsbirne durchscheinen lässt. In besonders warmen Jahren wie 2018 auch mal einen Hauch Aprikose. Schon eher erinnert die Nase hochwertiger Silvaner an frisches Sauerteigbrot oder Kümmel und versprüht natürlich jede Menge Mineralität, sowie kräuterige, grüne, aber auch zitrusfrische Noten.

Silvaner-Spezialist Daniel Sauer vom Weingut Rainer Sauer in Escherndorf, der auf der Lage Escherndorfer am Lumpen 1655 einige der besten Silvanerweine Frankens produziert, vergleicht den Wein deshalb auch gerne mit den Franken selbst. "Um Silvaner kennen und schätzen zu lernen, braucht es Zeit, hat man aber erst mal Freundschaft geschlossen, dann hält sie ein ganzes Leben – das ist mit dem Silvaner nicht anders als mit den Menschen hier."

Sauers 2015 nach Plänen des Würzburger Architekturbüros May umgebautes und erweitertes Weingut ist auch ein besonders gelungenes Beispiel für Frankens neue Weinarchitektur, der es oft vorbildlich gelingt, über Jahrhunderte gewachsene Strukturen mit modernen Architektur- und Designelementen zu verbinden, ohne althergebrachtes dabei zu zerstören. Vorzeigeprojekt ist dabei natürlich das spektakuläre Weingut am Stein von Ludwig Knoll in Würzburg. In der vom Tourismusverband herausgegebenen Broschüre Architektur & Wein wird übrigens eine ganze Reihe vorbildlicher Beispiele neuer fränkischer Weinarchitektur im Detail vorgestellt.

Oberhalb des Eschernbacher Lumpens liegt mit der historischen Vogelsburg, deren Geschichte bis in die Merowingerzeit zurückreicht und die heute, samt ihrer Weinberge, zum Würzburger Juliusspital gehört, einer der prominentesten Aussichtspunkte im fränkischen Weinland. Von hier oben genießen Gäste einen fantastischen Panoramablick auf die Volkacher Altmainschleife, die von endlosen Rebbergen gesäumt ist. Apropos Ausblick: unter dem Label terroir f – die magischen Orte des Frankenweins, gibt es entlang des Mains insgesamt 12 Panoramastationen, von denen sich besonders eindrucksvolle Aus- und Einblicke in die vom Wein geprägte Kulturlandschaft entlang des Mains genießen lassen, so z.B. auf die dramatischen Steillagen oberhalb von Klingenbach und Erlenbach auf einem der landschaftlich reizvollsten Abschnitte des insgesamt 79 km langen Fränkischen Rotweinwanderweges, der von Großwallstadt im Norden bis zum Centgrafenberg im Süden führt.

Hinweis auf das terroir f.
Hinweis auf das terroir f.

 

Erst hier wird einem bewusst, welche Leistung es ist, diese terrassierten Weinberge mit bis zu 70% Gefälle zu bewirtschaften. Zum Vergleich: muss ein Winzer hier in einen Hektar Rebfläche rund 1.200 Arbeitsstunden investieren, kommt ein Kollege in einer flachen Lage der Pfalz oder Rheinhessens mit 150 Stunden aus, auf Großplantagen in Südafrika oder Australien, die komplett maschinell bearbeitet werden können, reichen dagegen oft sogar 50 Stunden. Und das bei vergleichbaren Erträgen.

Kein Wunder, dass viele Winzer mittlerweile ernste Nachwuchssorgen plagen, weil von diesen Steillagen heute kaum noch jemand leben kann. Das ist auch einer der Gründe warum viele Winzer ihren Beruf nur noch im Nebenerwerb ausüben. Gleichzeitig sind die Preise für die einst so begehrten Weinlagen mittlerweile im freien Fall. Manchenorts kostet ein Quadratmeter Rebfläche kaum noch mehr als 1 oder 2 Euro, wenn sich überhaupt ein Käufer findet. In den frühen 70er Jahren wurden dagegen selbst für von Brombeerhecken überwucherte Brachen, die es erst mit großem Aufwand wieder zu kultivieren galt, 40 Mark und mehr bezahlt.

Doch kehren wir noch einmal zurück zur Vogelsburg. Die ist Sachen Wein nämlich auch deshalb ein gesichtsträchtiger Ort, weil hier in den späten 50er Jahren der fränkische Bioweinanbau geboren wurde. Damals nicht zuletzt verstanden als Akt zur Bewahrung von Gottes Schöpfung, denn die Biopioniere waren allesamt Ordenschwestern, allen voran die umtriebige Schwester Hedwig – die übrigens noch heute auf der Vogelsburg lebt. Heute treffen sich hier einmal im Jahr alle fränkischen Biowinzer, um neue Trends zu diskutieren und ihre Weine präsentieren.

Steillage am Main.
Steillage am Main.

 

Noch so ein urfränkischer Biopionier der ersten Stunde ist auch Bioland-Winzer Manfred Rothe aus dem nahe gelegenen Nordheim, der den elterlichen Betrieb ebenfalls schon vor rund 40 Jahren konsequent auf organische Bewirtschaftung umgestellt hat. "Damals, erinnert sich Rothe lachend, "passten alle Biowinzer Frankens noch um einen Küchentisch - und für ihre Frauen und Kinder war auch noch Platz."

Auf seinem Weingut produziert Rothe aus Silvaner-Trauben unter dem Label Indigenius auch einen spektakulären Orange-Wein, der sich mit einem bunten Strauß typisch grüner Aromen und einer leicht oxidativen Note im Glas präsentiert. Noch einen Schritt weiter geht er mit dem KVEVRI, den er 9 Monate auf der Maische in 1200 Litern fassenden armenischen Tonamphoren ausbaut. Ein hochkomplexer Wein für Spezialisten – sicherlich – aber auch eineindrucksvolles Beispiel, welches Potential im vermeintlich "langweiligen" Silvaner steckt. Übrigens eignet sich der Silvaner auch für die Produktion edelsüßer Spezialitäten – so genießen die Beeren- und Trockenbeerenauslesen von Horst Sauer, dessen Weingut gleich gegenüber dem seines Namensvetters Rainer Sauer liegt, ebenso wie seine trockenen Weine, Weltruf.

Dagegen hat sich die Weinbauregion Churfraken rund um das pittoreske Bürgstadt in den letzten 40 Jahren zu einem wahren Rotweinparadies gemausert. Diese Entwicklung ist dabei untrennbar mit dem Namen von Paul Fürst vom Weingut Rudolf Fürst verbunden, der schon in den 70er Jahren erkannte, dass sich qualitativ hochwertige Rot- (aber auch Weißweine) nur durch konsequente Ertragsreduzierung, konsequente Handlese, akribische Selektion des Leseguts und kontrollierten Ausbau produzieren lassen. Seine Spät- und Frühburgunder von den Buntsandstein-Verwitterungsböden am Bürgstädter Centgrafenberg, vom Klingenberger Schlossberg und vom Hundsrück gehören heute ohne Frage zu den besten Rotweinen Deutschlands und genießen auch international hervorragendes Renommee. Aber auch Weißburgunder oder Chardonnay von Fürst brauchen sich heute im internationalen Vergleich nicht zu verstecken – im Gegenteil. Aber es müssen nicht immer die ganz großen Lagen oder Namen sein, wie z.B. das ebenfalls in Bürgstadt ansässige Weingut Stich beweist, wo man sich einerseits bemüht dem Image des Müller-Thurgau auf die Sprünge zu helfen, wo aber auch für weniger als 10 Euro die Flasche ein filigraner, leichter Spätburgunder aus dem großen Holzfass produziert wird, der einfach Spaß macht und als idealer Sommer-Rotwein gelten darf.

Und zwischendurch ein Wein...
Und zwischendurch ein Wein...

 

Doch selbst Rieslingfreunde kommen in Franken auf ihre Kosten, denn rund um Michelbach – nur wenige Kilometer von der hessischen Grenze am Fuß des Spessarts gelegen – erstreckt sich ein vergleichsweise kleines, aber feines Rieslinganbaugebiet mit der Toplage Apostelberg, wo auf Glimmerschiefer- und Gneis-Urgestein ein ungewöhnlich finessenreicher, rassiger Riesling angebaut wird, der sich deutlich von seinen Vettern im Rheingau, von der Mosel oder aus Baden unterscheidet, allerdings auch nicht mehr typisch "fränkisch" schmeckt.

Weitere Infos:

In der jährlich neu aufgelegten Broschüre Reisen zum Frankenwein finden Weinliebhaber gebündelt alle Angebote rund um das Thema Wein – egal ob Weingüter, Winzerfeste, Heckenwirtschaften, Weinguides, Vinotheken, Hotels und empfehlenswerte Gasthöfe. Alle qualitätsgeprüften Angebote sind in dieser Broschüre versammelt. Sie kann kostenlos über Frankentourismus oder www.franken-weinland.de angefordert werden.

www.frankentourismus.de 
www.gaestefuehrer-weinerlebnis.de
www.fraenkisches-weinland.de
www.franken-weinland.de
www.churfranken.de

Weingüter:

www.weingut-rainer-sauer.de
www.weingut-rothe.de 
www.weingut-horst-sauer.de 
www.weingut-rudolf-fuerst.de

Empfehlenswerte Hotels und Gasthöfe:

Hotel und Weingut Meinztinger in Frickenhausen, www.hotel-meintzinger.de 
(Spektakuläres Frühstück)
Gasthof Bären, Randersacker, www.baeren-randersacker.de 
Landhotel Adler, Bürgstadt, www.adler-buergstadt.de 
Gasthaus zur Krone, Großheubach, www.gasthauskrone.de
Vogelsburg, oberhalb der Volkacher Mainschleife, www.vogelsburg-volkach.de 
Häckenwirtschaft im Weingut Stich, www.weingut-stich.de
Hofgut Hörstein, www.hofgut-hoerstein.de

 

Impressionen:


Fotos: Thomas Hauer

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Zuletzt bearbeitet am 13/08/2019

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Autor

Thomas Hauer

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