Siegeszug des "Schwarzen Hahns"

Zig Wunderweine von Weltrang machten die wieder in ehrwürdigen ehemaligen Bahnstation Leopolda in Florenz abgehaltene Chianti Classico Collection 2019 beinahe zur Qual der Wahl!

Kein Kunststück, gilt doch nicht nur im Gebiet des Gallo Nero (Schwarzen Hahns), dem seit 1716 geschützten Chianti Classico, das Jahr 2015 allemal längst als Weinjahrgang absoluter Superlative. Dem droht nun mit 2016 prompt ein weiterer, für viele Weinenthusiasten noch eleganterer Jahrhundertjahrgang fast den Rang abzulaufen. Und nach dem eher desaströsen Jahr 2017, das Ernteausfälle von im Schnitt 27 Prozent mit sich brachte und besondere Herausforderungen an Kunst und Kreativität der "Wine maker" stellt, sind auch die Voraussagen für den Jahrgang 2018 mehr als exzeptionell. Keine Frage daher, dass der Chianti Classico weltweit boomt und in 130 Länder exportiert!

2018 war ein höchst positives, ausbalanciertes Jahr für die Winzerwelt des Schwarzen Hahns, von deren 510 Mitgliedern immerhin 351 auch abfüllende Produzenten am Markt sind. Zur Präsentation der Chianti Classico Collection 2019 versammelten sich 195 von ihnen mit je drei ihrer herausragenden Weinabfüllungen. Mindestens 474 Weine standen am Ende zur Auswahl, hinzu kam die grandiose Präsentation des Vin Santo aus dem Chianti Classico, etwa aus der Badia a Coltibuono (Jahrgang 2010), dem Castello di Meleto (2009) oder ein herrlich roter "Occhio di Pernice" (Rebhuhnauge) 2010 von La Castellina. Findige errechneten, dass in den zwei Tagen unter dem Logo des diesmal aus dunklen Trauben gebildeten Schwarzen Hahns über 9400 Flaschen entkorkt wurden, sicher auch zur Freude von über 300 Journalisten von allen Kontinenten.

Und auch die vom Präsidenten des Konsortiums, Giovanni Manetti, präsentierte Bilanz des Jahres 2018 konnte sich sehen lassen. Zwar war erstmals nach acht Jahren Wachstum ein leichter Rückgang bei der Flaschenabfüllung zu verzeichnen, der offenbar auch dem eher schwierigen Jahr 2017 zuzuschreiben ist, dessen Weinproduktion auf 206 000 hl herunterbrach. 2018 wurden aber schon wieder 270 000 hl produziert. Hinzu kam der gestiegene Hektoliter-Preis für offenen Wein auf 280 bis 310 Euro, eine Steigerung von 35 %. Aber das hat den Umsatz im Chianti-Classico-Gebiet nicht erschüttert – im Gegenteil: 800 Millionen Euro, davon 400 Millionen Euro in der Flaschenabfüllung und 10 Mio. Euro in der Olivenernte erwirtschaftete das längst auch als "Chiantishire" firmierende geschützte Gebiet um. Ein Hauptgrund ist die Reform von 2013 und die Einführung der neuen Topqualität "Gran Selezione", die nun mit stolzen Marktpreisen von ca. 25 bis fast 40 Euro die Lücke zum benachbarten Rivalen Brunello in Montalcino mühelos zu schließen vermag. Tatsächlich machen die premiumweine des Chianti Classico, Riserva und Gran Selezione aktuell nur 37 % der Gesamtproduktion aus, sorgen aber bereits 52 % des Umsatzes! Den Trend zum Kauf von Topweinen unterstützen vornehmlich Käufer aus dem Hautopabnehmerland USA, wohin 34 % (plus 1 %) aller Verkäufe flossen. Es folgt der italienische Inlandmarkt, der immerhin 23 % der Chianti Classico-Flaschen absorbierte. Auch dank intensiven Marketings seit 2012 ist Kanada nun mit 11 % Verkaufsanteil auf Rang 3 vorgeprescht, während der deutsche Markt, nun auf Rang 4, mit 8 Prozent Marktanteil ein wenig stagniert.

Castello di Volpaia.
Castello di Volpaia.

 

Aber dies sollte sich angesichts der herausragenden Tropfen der weltmeisterlichen Jahrgänge 2015 und 2016 rasch ändern. Denn: Ein guter oder gar herausragender Chianti Classico muss nicht generell auch superteuer sein. Dies bewies bei der Präsentation z. B. die Fattoria di Cinciano ( www.cinciano.it ) aus dem gleichnamigen, 1126 ersterwähnten Dorf bei Poggibonsi. Valentina Papandrea, für Marketing und Kommunikation zuständig, nannte für die von der Familie Garrè seit 1983 neben 40 ha für Oliven (Top-Olivenöl) auf 24 ha produzierten erstklassigen Weine wie den Chianti Classico Gran Selezione DOCG oder den Pietraforte IGP Toscana höchst modeste Preise.

Sensationen am Nebentisch: In der Osteria Il Magazzino

Das Abendessen am Ende des ersten Degustationstages, zu dem das Konsortium samt erneute Degustation lud, nahmen wir in der historischen Osteria Il Magazzino an der suggestiven Piazza della Passera in Oltrarno ein. Wohl der Zufall wollte es, dass an unserem Nebentisch mit Antinori, dem Castello di Volpaia und dem winzigen Gut der Fattoria Rignana von der Conca d`Oro in Panzano drei Weingüter vertreten waren, die am Ende auch ganz oben in der allgemeinen Gunst standen. Zu toskanischer Traditionsküche (Polpette di Lampredotto, Fegatino Toscano, Pici al Pesto, Fagioli Toscanelli, Fritelle di San Giuseppe) die perfekt zu den angebotenen Weinen passte, bot Antinori den im großen Fass hergestellten, wunderbaren Antinori Chianti Classico DOCG Riserva 2016 von der berühmten Tenuta Tignanello auf.

Er ist nicht zu verwechseln mit dem noch berühmteren Tignanello selbst, dessen Etiketten, wie La Repubblica am 15.2.2919 schrieb, zuletzt sogar gefälscht wurden. Die italienischen Täter, die den somit minderen, da betrügerisch etikettierten Wein vor allem in Belgien und NRW abgesetzt haben sollen, wurden verurteilt. Später legte Antinori ( www.antinori.it/de/tenuta/antinori-weingueter/antinori-nel-chianti-classico-3/ ) mit dem Badia a Passignano Chianti Classico DOCG Gran Selezione 2013 noch eins drauf. Und auch die 2015er Gran Selezione bot in der Verkostung am folgenden Tag Exzellentes! Natürlich hat eine Gran Selezione (hier ca. 38 Euro) ihren Preis, aber dieser absolut gerechtfertigt! Dass das Castello di Volpaia herausragende Bio-Weine produziert, befand 2018 schon der Wine Spectator, der den 2015er Volpaia Chianti Classico DOCG Riserva auf Rang 3 der besten 100 Weine weltweit setze. Und nun der Castello di Volpaia Chianti Classico Riserva 2016: noch eleganter, ein absoluter Gaumengenuss (60 000 Flaschen)! Am Ende rangierte er in meiner nur individuellen, nicht repräsentativen Hitliste auf Rang 1 der gesamten Chianti Classico Collection (www.volpaia.com). Und Federica Mascheroni Stianti zögerte auch nicht, noch einen 2011er von diesem Top-Weingut aus dem 50-Seeeln-Dorf Volpaia bei Radda zur Verkostung freizugeben. Und ganz nebenbei hat sie auch noch einen Gran Selezione "Il Puro" Vigneto Casanova 2015 in petto (aber nur 1600 Flaschen!!!).

Weingut Cinciano.
Weingut Cinciano.

 

Die eigentliche große Überraschung nicht nur des Abends kam dann aber mit den Weinen der von Cosimo Gericke vertretenen Fattoria di Rignana ( www.rignana.it ), die von April bis November in ihrem geschmackvoll möblierten B&B und in den zwei Apartments Riccio und Stella auch Gäste empfängt. Denn die Bioweine der Gerickes, allen voran der Chianti Classico DOCG Villa di Rignana 2015 Gran Selezione, aber auch die DOCG Riserve 2015 wie 2016, sind großartigste Winzerresultate – und sollten in jedem gutsortierten Weinkeller lagern. An diesem Abend überzeugte auch der gute 2016er vom Weingut Dievole, das ebenfalls regelmäßig mit prima Weinen aufwartet.

Auf dem Parcours der Top-Weltweine

Natürlich kann und muss eine Chianti Classico Collection mit Weinen der Superlative aufwarten, die mühelos die 90-Punkte- oder gar die 95-Punkte-Marke überspringen. Dazu gehören z. B. die Chianti Classico DOCG Gran Selezione "San Lorenzo" des Castello di Ama ( http://www.castellodiama.com/i-grandi-vini/ ), aber auch das phantastische Sensationsdebüt von Chianti Classico 2015 und Chianti Classico Riserva 2015 aus Frescobaldis neuer Depandance Tenuta Perano ( https://de.frescobaldi.com/weine/tenuta-perano/ ). Ganz oben auf der individuellen Hitliste und eventuell auf Rang 2 standen erneut die Weine des Gutes Riecine ( www.riecine.it ), das zwar den Besitzer wechselte, nicht jedoch Abstriche an der Qualität machte. Alessandro Campatelli und Elisa Gramaccioni präsentierten einen wunderbaren Chianti Classico Riserva 2016 und einen fulminanten, sensationellen Riecine "La Goia" 2015, der allerdings auch seinen Preis hat (ca. 50 Euro).

Auf gleichem höchstem Qualitätsniveau bewegen sich aber auch die Bio-Weine des nur 2 km entfernt liegenden Badia a Coltibuono ( www.coltibuono.com ). Emanuela Stucchi Prinetti schätzt sich glücklich eine herausragenden Chianti Classico DOCG Riserva 2015 ebenso im Angebot zu haben wie den eher komplizierteren Chianti Classico 2017 oder den herrlichen, 12 Monate im Barrique gelagerten "Montebello" aus Mammolo, Ciliegiolo, Pugnitello, Colorino, Sanforte, Malvasia Nera, Canaiolo, Foglia Tonda und Sangiovese. Und wer wie sie dann noch mit dem "Cultus Boni" einem Bio-Chianti Classico Riserva der Extraklasse (24 Monate im Barrique), mit exzellentem Olivenöl, Vin Santo (auch Occhio di Pernice) Grappa di Sangioveto und Benedetta Vitali aufwarten kann, die zu Kochkursen und ins hauseigene Café/Ristorante lädt, repräsentiert ein perfekt geführtes toskanisches Landgut in uraltem Ambiente. Eine Verbeugung vor dem Sangiovese ist auch der Bio-Wein von Quercia al Poggio aus Barberino di Val d`Elsa  ( www.quercialpoggio.com ). Großartig sind der von Michela Rossi präsentierte Chianti Classico DOCG Gran Selezione 2012 (Magnum-Flasche), die DOCG-Riserva 2013 (nur 7000 Flaschen) oder der DOCG 2016.

Weine von Riecine.
Weine von Riecine.

 

Schon Michelangelo Buonarotti besaß einst das seit 1183 als "Nectar Dei" bekannte Chianti-Gut Nittardi (www.nittardi.com), das seit 1999 weitere Hektar in der Maremma besitzt. Hier führt Léon Femfert, ältester Sohn von Peter Femfert und Stefania Canali, die das Gut 1981 übernahmen und ab 1992 in eine moderne Cantina wandelten, seit 2013 die Geschäfte mit Enthusiasmus, Leidenschaft und – exzellenten Weinen. So wird auch der Chianti Classico Casanuova di Nittardi DOCG 2016 Vigna Doghessa (13,5 %) wie in jedem Jahr mit hochwertigem Etikett und einem Kunstwerk geehrt. Mittlerweile sind schon 68 Werke vor Ort in Castellina in Chianti im Giardino delle Sculture versammelt. Perfekt sind auch der Chianti Classico DOCG Riserva 2015 (14 %) und der Nittardi Chianti Classico "Belcanto" 2016. Und natürlich gibt es auch Grappa und Olivenöl.

Ein Klassiker auch in diesem Jahr war und ist das Castello di Querceto oberhalb Greve in Chianti, vertreten durch Direktor Marco Fizialetti ( www.castellodiquerceto.it ). Star des Hauses ist der "Il Picchio", ein Chianti Classico Gran Selezione DOCG 2015 (13,5 %). Aber auch der Chianti Classico DOCG Riserva 2015 (13,5 %) ist gelungen. Der DOC 2017 muss sich hingegen wie alle 2017er erst einmal behaupten. Großartige Weine kommen auch vom Gut Gagliole in Castellina in Chianti, etwa der von Cosimo Suderi empfohlene "Gallule" DOCG Riserva 2016, der Rubiolo 2017 oder der Gagliole IGT 2015. Eine Entdeckung ist Il Molino di Grace aus Panzano in Chianti: Iacopo Morganti empfiehlt den Chianti Classico DOCG Riserva 2016, dem "SoloSangiovese" 2016, dem Gratius IGT 2015 und dem Star "Il Margone" Chianti Classico DOCG Gran Selezione 2015.

Schließlich ist das auch für Besuche und Degustationen öffnende Castello di Monsanto in Barberino Val d`Elsa mit dem Vigneto Il Poggio Chianti Classico DOCG Gran Selezione 2014, der DOCG Rsierva 2015, dem DOCG 2016 und dem DOCG 2017 herausragend vertreten. Laura Bianchi präsentiert auch eine Entdeckung nebenher, den Castello Monsanto "Nemo", einen Cabernet Sauvignon IGT. Schließlich darf und durfte auch das durch eine Art frühes "Crowdfunding" schon im Jahr 1968 zu neuem Leben erweckte, großartige, seit 1256 existierende Castello di Meleto ( www.castellomeleto.it ) nicht fehlen. Hier empfehlen Generaldirektor Michele Contartese und Managerin Elena Caini neben dem Meleto 2017, einem reinen Sangiovese, den Chianti Classico Riserva Vigna Poggiarso 2016 (6000 Flaschen), die Gran Selezione Castello di Meleto 2015 (6000 Flaschen), den Chianti Classico Riserva Vigna Casi 2016 (20 000 Flaschen) und warben auch schon für den sicher großartigen Meleto 2018.

Summa summarum: Dutzende Chianti Classico-Weine der Jahrgänge 2015 und 2016 überspringen höchste Kritikerhürden spielend leicht. Der kräftige 2015er eignet sich perfekt auch für die längere Lagerung, der 2016er ist schon jetzt große Klasse, hyperelegant und ein idealer Wein auch zu sofort!

Castello di Querceto Monsanto.
Castello di Querceto Monsanto.

 

Der 2017er gilt als schwierig, de 2018er verspricht erneut Höhenflüge der Extraklasse. Und das Ranking? Nun, ich habe mich auf Castello di Volpaia, die Badi a Coltibuono und Riecine festgelegt. Unbedingt zu beachten ist Frescobaldis Erstlings-Chianti Classico. Großes Augenmerk verdienen aber auch Antinoris Badia a Passignano, die Weine der Fattoria Rignana, von Gagliole oder Nittardi.

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 14/08/2019

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