Nordpiemont: Nebbiolo, Genuss und bezaubernde Orte (Teil 2)

Zauberhaftes Novara – die Entdeckungstour rund um schönste Landschaftsbilder, Kultur und Genuss geht weiter…

Wir befinden uns Vignarello in Tornaco. In diesem charmanten Agriturismo ticken die Uhren anders. Hier werden Gemüse und Obst selbst angebaut, fernab von Straßenlärm und Pestiziden. Die Entspannung überkommt selbst den nervösesten Hektiker, wenn er sich auf der blumenumrankten Restaurant-Terrasse von regionaler Küche verwöhnen lässt. Oder im gemütlichen Zimmer mit Blick auf den großen Garten zum Tages-Ausgang den hauseigenen Kräutertee schlürft.

Von hier aus geht es also bestens ausgeruht mit dem Fahrrad los Richtung Vespolate – entlang einer Kulisse, wie sie nur hier vorkommt: Man radelt in wunderbar stilllebengleicher Landschaftsformation aus Wäldern, Wiesen, kleinen Gehöften und ausgedehnten Reisfeldern. Der Weg ist gesäumt von flachem Gewässern, aus denen die zartgrünen Stengel der Reispflanze ragen. Denn wir sind hier in der europäischen Hochburg des Reisanbaus gelandet.

"Bitterer Reis", Frauenarbeit und "Bella Ciao"

Seit dem 15.Jahrhundert ist die eigentlich tropische Pflanze in Norditalien kultiviert und wurde Mitte des 20.Jahrhunderts zum Dreh- und Angelpunkt der Gegend. Rund 280.000 Saisonarbeiter kamen jährlich, vorwiegend Frauen (sogenannte "Mondine"), die unter männlicher Aufsicht monatelang durchs Wasser wateten.

Das sah zwar in manch nachgestellter Filmszene sexy aus – man erinnere sich an Silvana Manganos berühmten Beinblitzer in "Bitterer Reis" (1949). Doch es war alles andere als das – was der Film auch schon damals dem Grunde nach sagen wollte: Ihr Gesang war erzwungen (mal abgesehen von Liedern wie "Bella Ciao", das heute durch die Discotheken schallt und damals unter anderem ein Protestlied der Reispflückerinnen war), sie schliefen zusammengepfercht auf engstem Raum, waren Millionen von Mücken ausgesetzt; es gab schlichtweg Missstände.

Gut nachvollziehen lässt sich all das im ethnografischen Museum "I Cevel", in dem viele Kulissen von damals nachgestellt sind und diverse Fotos die Bedingungen der damaligen Arbeit wiedergeben.

Besichtigungen bei den Produzenten

Selbstverständlich laden auch die heutigen Anbaubetriebe zu Besichtigungen ein, meist verbunden mit einem typischen Essen der Region und einem guten Überblick über die Bandbreite der verschiedenen Produkte.

Spezialitäten der Region, Museum und Kochschule Villa Gaccia.
Spezialitäten der Region, Museum und Kochschule Villa Gaccia.

 

Gleiches gilt für die weiteren Spezialitäten wie den Gorgonzola und die zahlreichen Käsevarianten. Betriebe wie Palzola in Cavallirio lassen sich über die Schulter schauen und es gibt reichlich zu probieren.

Harte Kekse und beeindruckende Architektur

Wer es süß mag, geht zu "Camporelli" im hübschen Städtchen Novara. Was dort in alter Tradition hergestellt wird? Der Biscottini di Novara – jener Keks, den wohl schon jeder einmal beim Italiener neben seiner Kaffeetasse vorgefunden hat: knallhart und umso besser, wenn man ihn mit einer Mandel erwischt. Also genau der Keks, bei dem fast jeder denkt "Hoffentlich geht das gut", bevor er abbeißt. So mancher Zahn war danach schon ein paar Millimeter kürzer.

Die erstaunliche Härte und Haltbarkeit hat das Gebäck einem Zufall zu verdanken. Bereits im 15.Jahrhundert wurde es für die Fastenzeit von fleißigen Nonnen hergestellt, die damit ein ordentliches Zubrot verdienen konnten. Als man ein Blech aus Versehen zwei Mal backte, war der unverwüstliche Hartkeks erfunden und lässt sich nicht mehr aus Italien wegdenken.

Nicht weit entfernt von Camporellis niedlichem Lädchen mit allen möglichen italienischen Keksvarianten befindet sich übrigens ein beeindruckendes Wahrzeichen der Region, das auf die bekannten Architekten Pellegrino Tibaldi (ca.1527-1596) und Alessandro Antonelli (1798-1888) zurückzuführen ist. Die Basilica di San Gaudenzio, die 1888 fertiggestellt wurde. Ein imponierendes Gebäude mit einer 121 Meter hohen Kuppel, das sich auch von Innen dank zahlreicher Treppen en Detail erkunden lässt.

Ein Tiramisu für Churchill

Antonelli hinterlässt in der ganzen Region bewundernswerte Prägungen – und das bis aufs Land. Erwähnenswert ist beispielsweise die Villa Caccia auf dem Hügel Monte Gucco: Um 1842 von Antonelli als Sommerresidenz errichtet, ist sie heute ein Ort, der Kochkunst und Zeitreise miteinander verbindet.

Ein Gebäude als Zeitzeuge für Architktur, Genuss, Lebensart der Region: Villa Caccia.
Ein Gebäude als Zeitzeuge für Architktur, Genuss, Lebensart der Region: Villa Caccia.

 

Umgeben von einem verwilderten Garten lernt man in dem historischen Gebäude alles über das Leben aus alten Zeiten und in der integrierten Kochschule die Finessen der ortstypischen Kochkunst.

Interessanter Nebeneffekt des Kochkurses mit feinsten Zutaten der Region: man erfährt allerhand über die Ursprünge und Mythen um die Gerichte. Wie zum Beispiel beim Zaubern des feincremigen "Churchill-Gedächtnis-Tiramisu", das einen ernsten Hintergrund haben soll: Der Legende nach verschonte Churchill während des Krieges das ganze Gebiet bewusst vor Bombardement, weil er ein absoluter Käse- und Gorgonzola-Liebhaber gewesen sein soll.

Lago d´Orta, Ruhe und Seelenbalsam

Die Reise ließe sich noch unendlich fortsetzen. Novara erstreckt sich in großer Vielfalt vom ebenen südlichen Raum bis hin zur hügeligen Mitte und im bergigen Norden mit dem Monte Mattarone. Die wunderschönen Flussgebiete des Piemontesischen Tessin und das Naturreservat Baragge beherbergen die verschiedensten Tier- und Pflanzenarten.

Ein absolutes Must ist der beeindruckend schöne Orta See und ein Spaziergang durch das malerische Dorf Orta San Giulio mit Blick auf die Insel die San Giulio, zu der sich eine Schippertour anbietet. Auch hier scheint die Zeit noch etwas langsamer zu laufen, Horden an Touristen sind glücklicherweise nicht in Sicht.
Der perfekte Ort, um diese Wohlfühlplätze voll auskosten zu können: das La Darbia, gelegen auf einer Anhöhe und mit Traumaussicht über Orta.

Die Besitzer nennen ihr kleines, im Wald und an einer Quelle gelegenes Refugium liebevoll: "Erholendes Feriendomizil". Für uns ist es noch viel mehr. Zwischen See, Himmel und Weinbergen ein Ort zum Seele baumeln lassen und sich in den kleinen, hellen Wohnungen heimisch fühlen.

Am Ufer des Lago d´Orta.
Am Ufer des Lago d´Orta.

 

Wer mag, kann sich zurückziehen, am Pool zwischen Nebbiolo-Reben chillen, umgeben von alten Kastanien, Ahorn und Buchen wandern oder gemeinsam mit anderen Gästen am großen Küchentisch sein Frühstück genießen.

Ansonsten hat man von hier einen perfekten Ausgangspunkt für weitere Besonderheiten der Region rund um Geschichte, Kunst, Wassersport, Gastronomie, Wein und Natur: der Lago Maggiore liegt auch nicht fern, ebenso wie der Mottarone.

Die besten Bedingungen für eine unvergessliche Zeit in dieser wunderschönen, sympathisch unaufgeregten Region.

 

Impressionen:

 

Weiterführende Adressen:

Novara allgemein: www.turismonovara.it

Unterkünfte, Essen:

- La Darbia: www.ladarbia.de

- Agriturismo Vignarello: Restaurant, Zimmer, eigene Kräutergärten: www.vignarello.com

- Agriturismo La Capuccina, sehr individuell, große Weinauswahl, engagierter Koch, schön auch nur zum Essengehen: www.lacapuccina.it

- Agriturismo La Torre dei Canonici, schöne nostalgische Zimmer, Reisproduzent: www.latorredeicanonici.com

- Restaurant Convivium: gute Weinauswahl und Beratung, Produkte der Region, engagierter Koch, der sich mit seinen Gästen austauscht https://www.conviviumnovara.it

- Biscotti: https://www.camporelli1852.it

Weitere Landwirtschaftsbetriebe/Reisproduzenten, die Besucher empfangen, Verkostungen oder Essen anbieten:

www.risorizzotti.com
www.risobuono.it
www.casalbeltrameonline.it

Gorgonzola: www.palzola.it

Fotos: Daniela Stubbe

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Zuletzt bearbeitet am 19/04/2019

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