Nordpiemont: Nebbiolo, Genuss und bezaubernde Orte (Teil 1)

Widmen wir uns wieder einer italienischen Besonderheit! Einer Region, die noch mit dem Charme des relativ Unentdecktem aufwarten kann, die in Sachen Landschaft, Architektur und Genuss so viel zu bieten hat. Wir haben uns auf den Weg nach Nordpiemont begeben, in die Region Novara bis hin zum Lago d´Orta.

Hier – zwischen Seen, Naturparks, bezaubernden Anwesen und Weinbergen – sind auch Gorgonzola, Reis und eine ganz besondere regionale Bergküche seit Jahrhunderten zuhause.

Und darüber hinaus auch sehr eigenständige Weine, die aus dieser Ecke kommend seltener auf dem Weltmarkt anzutreffen sind als ihre großen Brüder, der Barolo oder Barbaresco aus der Langhe, die aber dennoch sehr spannend sein können.

Ein paar Winzer sind geblieben und schaffen immer Spannenderes

Während das südliche Piemont quasi weltberühmt ist und dort recht hochpreisige Weine ihren Kennerkreis im Bann halten, werkeln im Norden einige wenige Winzer unermüdlich vor sich hin und schaffen fast unbemerkt eine ganz eigene, interessante Art des Nebbiolo. Und auch die autochthone Vespolina-Traube findet in dieser Gegend rege Aufmerksamkeit.

Inwiefern sich die in insgesamt zehn DOP Regionen angebauten Weine voneinander unterscheiden, hängt maßgeblich von Klima und Bodenbeschaffenheit der einzelnen Regionen ab – und selbstverständlich von der Philosophie der einzelnen Winzer.

Diejenigen Winzer, die heute noch Wein anbauen, sind quasi die eisernen Vertreter ihrer Zunft. Denn viele ehemalige Mitstreiter haben das Handtuch geworfen und ihre Weinberge nicht weiter bearbeitet.

Neuer Fokus altes Potenzial

Alberto Chinaglia vom Weingut Torracia del Piantavica bringt es auf den Punkt: "Der Norden Piemonts war lange vernachlässigt und durchlebte verschiedene Phasen. Es wurde auch viel Land aufgekauft." In der Nachkriegszeit war Weinbau eher unrentabel, die Rebflächen sanken auf einen Bruchteil der ehemals circa 40.000 Hektar. Zurück zur Rekultivierung ging es eigentlich erst Ende der 60er Jahre. Und auch dann dauerte es, bis man sich wieder breiter im Qualitätsweinbereich aufstellte.

Gutes Beispiel für diese Entwicklung ist das Weingut Antichi Vigneti di Catalupo – heute ein Begriff für die Region um Ghemme und Gattinara. Sie strukturierten 1977 – ganz visionär für damalige Verhältnisse – komplett um: Der Familienbetrieb spezialisierte sich auf Weinbau, es wurden neue Rebstöcke gepflanzt und man besann sich auf die einstige Tradition und das Potenzial des Terroirs.

Schönes Nordpiemont: Weinberge, Ruhe, Idylle am Lago d´Orta.
Schönes Nordpiemont: Weinberge, Ruhe, Idylle am Lago d´Orta.

 

Winzer, Jesus und Weine mit Aussage

Einer derjenigen, dessen Familie auch geblieben ist und seit 1852 Wein anbaut, ist Andrea Ioppa aus der DOCG Ghemme, die mit circa 50 Hektar Rebfläche in direkter Nachbarschaft zur DOCG Gattinara liegt.

Wir haben uns mit ihm auf seinem Weingut über dem Sesia-Tal verabredet. Andrea ist um die Dreißig, schlank und im wahrsten Sinne des Wortes "der Typ Jesus". Will heißen: er sieht ihm schon ziemlich ähnlich. Und aus diesem Grunde ist er dann auch als Selbiger verkleidet Teil eines imposanten Schauspiels mit 300 Darstellern über die Passion Christi. Aus dem Jahr 1729 stammend findet dieses Ereignis in den ungeraden Jahren während der Ostertage in Romagnano Sesia statt und hat einen hohen Stellenwert für die Provinz Novara.

Andrea erzählt faszinierende Einzelheiten über die aufwändigen Theatervorführungen vor antiker Kulisse, wo Texte des Evangeliums in originalgetreue Dialoge eingebettet werden und der Zuschauer denkt, er sei einige hundert Jahre zurückversetzt – bis wir schließlich wieder in der Gegenwart, sprich in seinem Weinkeller, ankommen.

"Auch wir hatten damals einige Flächen verkauft, aber nie alles", sagt Andrea, wieder ganz beim Thema Wein, und führt fort: "Mit 40 Verträgen haben wir schließlich alles zurückgekauft und sind jetzt glücklich mit unseren verschiedenen Lagen".

Vespolina mit mehr Charakter

Bevor wir uns dem Nebbiolo widmen, will er uns noch kurz seinen besonderen Vespolina zeigen. Die rote Rebsorte dient in erster Linie als Verschnittpartner für den Nebbiolo. "Wir machen hier aber auch reinsortigen Vespolina mit Alleinstellungsmerkmal", sagt er und wirkt fast ein wenig so, als wenn das bisweilen als gewisses No-Go – da nicht üblich – angesehen wurde.

"Unser optimales Mikroklima und der Wind hier oben erlauben es uns, einen Monat später zu ernten, was sich positiv auf die Tiefe des Weins auswirkt", so Andrea weiter. Geerntet wird meist erst Mitte Oktober, zusammen mit den Nebbiolo-Trauben.

Mit Herzblut für die Tradition der Region: Winzer Andrea Ioppa, hier beim
Mit Herzblut für die Tradition der Region: Winzer Andrea Ioppa, hier beim "Venerdi Santo" als Jesus.

 

Während die Vespolina generell jung und unkompliziert zu trinken sein sollen und im Stahltank ausgebaut werden, macht Ioppa noch seinen "Sondervespolina mit Alterungspotenzial". Vier Jahre lag der 2011er im großen Holz, anschließend auf der Flasche (je nach Jahrgang bis zu zwei Jahre).

2011 war ein relativ warmes Jahr. Trotzdem behält der Wein neben seiner Dichte eine schöne Frische. Nach der etwas komplexeren, volleren Nase mit Aromen von Pflaume, Beeren, Rumtopffrüchten, einem Hauch Vanille und Speck wird es am Gaumen animierend frisch Dank einer präsenten, schön eingewobenen Säure. Ja, das ist eher kein belangloser Leichtfuß für nebenbei, "er ist ein guter Essensbegleiter, zum Beispiel zu Salami, Pasta-Gerichten, Huhn oder Gegrilltem – am besten bei 18°-20° Celsius und zwei Stunden vorher geöffnet", sagt Andrea.

...oder als Passito

Wer den Vespolina restsüß probieren will, der greift zum Passito "Stransi". Hier werden eher zurückhaltende Fruchtaromen von Würze, Rauch, feiner Kraft aber auch Geschmeidigkeit ergänzt. Am Gaumen ist er nicht zu dick, auf die momentane Süße und dezente Fruchtnote folgt sogleich eine feine Schärfe, interessante Herbheit und belebende Säure.

Ganz besondere Würze bekommt er als Begleiter zum Gorgonzola der Region, verschmilzt förmlich mit ihm.

Nebbiolo

Kommen wir endlich zum Nebbiolo. Auch dieser besitzt hier im Norden Piemonts höhere Säurewerte, was ihm ein gutes Alterungspotenzial bescheren kann (ganz besonders sagt man dies der DOC Gattinara nach, wo sich auf den steilen Gesteinshügeln auch Vulkangestein findet, ebenso wie in Boca).

Ghemme, Gattinara und Lessona sind übrigens die Regionen, in denen 100 Prozent Nebbiolo produziert werden darf. Nicht alle Winzer machen davon Gebrauch, sondern verschneiden zum Zwecke der Harmonie mit etwas Vespolina oder Uva Rara.

Andrea schenkt den 2011er Santa Fé ein, hier sind auch ungefähr 15 Prozent Vespolina neben dem Nebbiolo im Spiel. Man fragt sich, wie es wohl aussähe, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre. Ein klein wenig gefällig wirkt er in den ersten Sekunden, aber der Eindruck ist dezent (und es ist sicher auch so gewollt). Erfreulicher Weise sind in nachfolgend aber auch für den Freund der Ecken und Kanten noch genügend Selbige vorhanden.

Bereits in der Nase nimmt man Struktur, auch gewisse Eleganz, Veilchenduft, Beere, etwas Ätherik und Lakritz wahr. Am Gaumen dann mehr Kraft, Spannung, gewisse Geschmeidigkeit, ergänzt von stimmiger Adstringenz, die sich im Nachhall weiter ausdehnt.

Charmantes Städtchen Ghemme: in den Kellern lässt sich einiges entdecken.
Charmantes Städtchen Ghemme: in den Kellern lässt sich einiges entdecken.

 

Nicht verpassen: Verkosten in Ghemmes Winzerkellern

Eine gute Gelegenheit, sich mit weiteren Weinen der Region auseinanderzusetzen, bietet sich direkt im kleinen Städtchen Ghemme. An den offenen Verkostungstagen sehen hier die Winzer der Region in ihren urigen kleinen Kellern zum Austausch bereit. Man braucht nur von Eingang zu Eingang springen und kriegt schnell einen gewissen Überblick.

Wer einen sehr sympathischen, kompetenten Übersetzer braucht, weil einige der Winzer nur italienisch sprechen, der geht in das Kellerhäuschen von Francesco Brigatti. Was für ein netter Kerl – war so hilfsbereit bei den Kollegen, als wir mit radebrechendem Italienisch nicht weiterkamen!

Doch zunächst geht es um seine Weine – und hier hat der Agrarwissenschaftler und Weinmacher eine klare Philosophie, die auch die Entwicklung vieler kleiner Betriebe in den letzten Jahrzehnten widerspiegelt: Weg von Massenware und back to the roots – zu Herkunft und Eigenständigkeit:

"Ich habe viel verändert und mit meinem Vater diskutiert: seit 1995 gab es für uns dann keine Insektizide, Herbizide mehr. Das hier mache ich nicht zum Reichwerden, sondern aus Passion und Überzeugung für unser Terroir. Es ist mein Leben, das zu machen", erzählt uns Francesco.

Startklar zum Verkosten und Erklären: Winzer Francesco Brigatti.
Startklar zum Verkosten und Erklären: Winzer Francesco Brigatti.

 

Es gibt viel zu entdecken

In dem Kellergässchen könnte man gut und gerne den ganzen Tag verbringen, so viel Spaß macht der Austausch mit den Winzern und Einheimischen. Dazu erwecken die unterschiedlichen Weine und Stilistiken so viel Neugierde, dass man im Anschluss am besten noch die umliegenden Regionen und Weingüter abklappern möchte – zum Beispiel Antichi Vigneti, Le Piane in Boca, Travaglini und Nervi in Gattinara und viele, viele mehr. Schafft man es nicht zu den Winzern, bieten die zahlreichen Trattorias in der Umgegend die Möglichkeit zum Probieren und Dazulernen oder einfach nur zum Genießen.

Fest steht – die Weine dieser Regionen unterscheiden sich von ihren berühmten Nachbarn aus dem Süden Piemonts auf ihre ganz individuelle Art, einige können aber nicht minder interessant sein. Die Reise in Richtung Qualität hat über die letzten Jahre viel Fahrt aufgenommen und es ist spannend zu verfolgen, wo sie hingeht.

Klarer Fall, die Weine müssen weiter verkostet werden – und wir müssen unbedingt wiederkommen! Doch zunächst gibt es noch einige weitere wichtige kulinarische Stationen zu entdecken, nebst unglaublich bezaubernder Orte, die man gar nicht mehr verlassen mag.

Mehr dazu demnächst im zweiten Teil – mit den entsprechenden Tipps, Adressen und Links!

 

Impressionen:

Infos und Links:

- Informationen zur Region Novara: www.turismonovara.it
- www.venerdisanto.org
- Weingut Ioppa: www.viniioppa.it

Fotos: Daniela Stubbe

Submit to DiggSubmit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn
Zuletzt bearbeitet am 13/03/2019

Artikel weiterempfehlen und/oder drucken (auch PDF):

Letzte News

Letzte Artikel

Genuss-Newsletter abonnieren?

Mit der Anmeldung zu unserem Newsletter erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen (s.l.) einverstanden. Eine Bestätigungsmail mit einem Aktivierungslink wird nach der Anmeldung an die angegebene Mailadresse versendet. __________________________
KULINARIKER - Das Magazin für mehr Genuss.
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.