Der größte Trüffel der Welt

Jedes Jahr im November lädt San Miniato zur Mostra Mercato Nazionale del Tartufo Bianco, 2018 schon zum 48. Mal.

Doch das seit Jahrhunderten in den Hügel um San Miniato gefundene »weiße Gold« zieht auch schon früher, auf den lokalen Trüffelmärkten von Corazzano (1. Oktoberwoche), Balconevisi (3. Oktoberwoche) und in San Miniato Basso 81. Novemberwoche) in den Bann. Und natürlich ist auch das »schwarze Gold«, der schwarze Trüffel, von hohem Interesse. Schon in der 3. Märzwoche geht es in Cigoli zur Sache.

Dies alles hätten sich jene Etrusker wohl nicht träumen lassen, die sich schon in der Frühzeit in der Ebene unterhalb des heutigen San Miniato niederließen. Ab dem 3. Jh. vor Christus folgten im untere San Miniato die Römer, die den militärischen und wirtschaftlichen Nutzen dieses Ortes am Kreuzungspunkt ihrer neu entstandenen Militärstraßen sofort erkannten. Dann aber dauerte es bis ins Jahr 713, als 17 Langobarden aufkreuzten und auf dem Hügel dem von ihnen verehrten heiligen Märtyrer Miniato ein Kirchlein erbauten. San Miniato war geboren, sogar San Miniato al Tedesco, das San Miniato der »Deutschen«, denn die Langobarden, die »Langbärte«, waren schließlich von Nordostdeutschland aus wohl als Klimaflüchtlinge in die Po-Ebene und die neue Heimat, das »Langobardenland« Lombardei gezogen.

Schon 962 bestätigte Kaiser Otto I., aus Sachsen stammend, den Ruf der »Deutschenstadt«, als er San Miniato zu seinem administrativen Zentrum in der Toskana erkor. Und dann führte Friedrich II., das Stauen der Welt, San Miniato ab 1218 zur Blüte: Die neue Burg wurde samt 1223 fertiggestelltem »Friedrichturm« zu einer der Schatzkisten des Reichs. Hier landeten die kaiserlichen Steuereinnahmen aus ganz Mittelitalien! San Miniato bleib auch in der Folge kaisertreu, Mönchsorden siedelten sich an, denn San Miniato lag und liegt auch an der Via Francigena, dem »Frankenweg«, einem der berühmtesten Pilgerwege des Mittelalters, der von Canterbury in England bis nach Rom führte. Heute pilgern wieder viele Stadtbesucher auf dem Weg, zumindest auf einem Nachmittagsausflug. Die wirklichen Pilger übernachten im alten Franziskanerkonvent an der Piazza San Francesco, das für wenig Geld Schlafplätze anbietet.

Schwarzer Trüffel.
Schwarzer Trüffel.

 

Von dort sind es nur wenige Minuten bis zum Domplatz unterhalb der Rocca Federiciana mit dem Friedrichsturm. Immerhin einer Österreicherin, Maria Magdalena von Habsburg, Gattin von Großherzog Cosimo de` Medici, ist zu verdanken, dass San Miniato 1622 Bischofssitz wurde. Hier, im alten Kaiserburgareal, waren schon Friedrich Barbarossa 1167 und 1178, Heinrich IV. 1184, 1186 und 1194 und schließlich auch Otto IV. im Jahr 1209 zu Gast.

Größter Trüffel der Welt

Aber San Miniato hat natürlich nicht nur historischen Kaiserglanz zu bieten. Es lockt der Hauch der Delikatessen. Schon unterhalb des Pilgerhospizes steht an der Auffahrt zur Altstadt, der Via Garibaldi, ein besonderes Denkmal. Es zeigt einen Trüffelsucher, eine »tartufaio«, mit vergoldetem Trüffel! Der einheimische Schmied und Weltmeister seiner Kunst, Massimiliano Benvenuti, schuf das schere Trum zu San Miniatos Trüffelmesse 2012.

Es ehrt einen der kostbaren, in San Miniato für bis zu 25.000 Euro gehandelten Trüffelhunde und seinen Herrn, Arturo Gallerini, genannt »Bego«! Sein Hundespürnase namens »Parigi« (Paris) fand am 26.10.1954 den bislang größten Trüffel der Welt! Die 2520 g schwere Leckerei wurde dann US-Präsident Dwight D. Eisenhower geschenkt und wurde wohl im Weißen Haus verputzt!

Heute muss man nicht mehr mit US-Präsidenten um San Miniatos kostbares Gold konkurrieren. Erfreulicherweise öffnet im historischen Zentrum der Trüffelladen Gemignani Tartufi ganzjährig und verwöhnt Interessenten mit frischem weißem oder schwarzem Trüffel, mit Trüffelöl, Trüffelbutter, Sauce vom weißen Trüffel oder gleich einem Trüffel-Geschenkset. Natürlich kann man auch selbst auf Trüffelhatz gehen bzw. die Beute direkt beim Trüffeljäger holen. Dies bieten Monica und Riccardo Nacci im Vorort Corazzano. Überhaupt lohnt das Flanieren durch den mit prächtigen Renaissancepalästen und sogar gotischen Fresken im Rathaus aufwartenden San Miniato. Insbesondere die Vielfalt der neuen Geschäfte und Restaurants beeindruckt. Viele warten mit Schauinsland-Terrassen auf – so verbindet sich der kulinarische Genuss bestens mit dem Blick in die üppig blühende Landschaft. Eine solche Panoramaterrasse hat das schlichte Caffè Marlene & Roberto, wo tatsächlich alles den gemächlichen Gang des Cittá Slow geht.

Mit schönster Aussicht...
Mit schönster Aussicht...

 

Die schönste Terrasse hat wohl Metzgermeister Andrea Falaschi, wo seit 1925 Trüffelsalamis und Schinken vom Sieneser Gürtelschwein (Cinta Senese) über die Ladentheke gehen und mittags auch herzhaft gekocht wird. Günstiger sind die Trüffelsalamis im seit drei Generationen öffnenden Salumificio Adriana Mancini, wo man auch online ordern kann. Süße Hits fertig schließlich Paolo Gazzarini in seiner Pasticceria »Il Cantuccio di Federigo«. Im Tuffsteingewölbe unter der täglichen Tortenpracht lagert er sogar einen Riesenschatz. Dort schlummern 10 000 Flaschen Dessertweine ab dem Jahrgang 1860! Grandios ist auch die Enoteca des besten Ristorante vor Ort, Pepenero, wo Weine ab dem Jahrgang 1955 ausliegen. Und wer eine wirkliche Biste4cca Fiorentina möchte, muss in die BisteccheriA.

Die Nacht von San Lorenzo

Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs legte San Miniato den Beinamen »al Tedesco« ab. Aus der »Stadt der Deutschen« wurde das rein toskanische San Miniato. Grund waren die Verwüstungen der Detuschen in der Altstadt gegen Ende des Krieges. Am 22.7.1944 kamen im Dom von San Miniato sogar zum Massaker: 55 Menschen starben. Lange galten die Deutschen als Urheber dieser Freveltat, an die am Rathaus mit einer Gedenktafel erinnert wird. Nun hängt eine zweite dort, die als Ursache fehlgeleitetes Artilleriefeuer der Alliierten nennt. Wie auch immer: Zwei Brüder aus San Miniato machten die Tat weltweit bekannt: Paolo und Vittorio Taviani, die an der Via Maioli aufwuchsen und bis heute gern zur Trüffelmesse kommen, verfilmten die Ereignisse in »Die Nacht von San Lorenzo«.

Wichtiges Bergdorf: Sant`Anna di Stazzemma

Von San Miniato lohnen zig Ausflüge, etwa nach Empoli, ins Vespa (Piaggio)-Museum im nahen Pontedera, zu Andrea Bocellis Teatro del Silenzio in Lajatico, auf Pisas Platz der Wunder oder ins Dörfchen Vinci, wo Leonardo geboren wurde. Ein ganz besonderer Ort ist indes das Bergdorf Sant`Anna di Stazzemma, dessen Besuch man man mit einem Küstenausflug und dem Bildhauerstädtchen Pietrasanta verbinden kann.

Sant`Anna di Stazzema liegt versteckt in den Apuanischen Alpen, 600 Höhenmeter über dem Tyrrhenischen Meer, 24 km nordwestlich von Lucca. Am 24.3.2013 besuchten der damalige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck und der damalige italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano diesen historischen Almort, der früher von Waldwirtschaft (Kastanien) und Bergbau (Bleiglanz, Silber, Eisen) lebte. Sie gedachten des Massakers von Stazzema am 12.8.1944, dem ca. 560 Menschen, darunter 130 Kinder, zum Opfer fielen. Die Täter stammten aus der 16. SS-Panzergrenadier-Division »Reichsführer SS«. Der hohe Staatsbesuch markierte die eine Dekade währende Aufarbeitung dieser und anderer Gräueltaten, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs in der Toskana verübt wurden.

Heue parken Besucher auf der Piazza Anna Pardini. die nach dem jüngsten Opfer des Massakers benannt: Anna lebte nur 21 Tage (23.7.1944 – 12.8.1944), ihre Kapelle wurde 2015 mit Mitteln der deutschen Bundesregierung renoviert. Ringsum wurde im Jahr 2000 der Parco Nazionale della Pace (Nationaler Friedenspark) angelegt, wo sich auch die 1948 geschaffene Gedenkstätte mit Ossarium befindet. Ein Kreuzweg (Via Crucis) mit Bronzetafeln führt dorthin, die Zugangsallee ist mit den Flaggen der europäischen Staaten flankiert. Für die Dorfkirche im Ortskern sammelten deutsche Aktivisten und Kulturfreunde seit 2002 für eine neue Orgel, die seit 2007 als Friedensorgel erklingt.

In der offenen Kirche erinnert ein Schild daran, dass das Taufbecken am 12.8.44 von einer explodierenden Bombe beschädigt wurde, die Orgel auf der Empore wurde durch Maschinengewehrfeuer zerstört. Hinter dem Altar gedenkt ein Bronzerelief (»Letztes Abendmahl«) der Opfer, die rechterhand auf einer großen Wandtafel namentlich und teils mit Foto aufgeführt sind. Eine kleine Tafel erinnert auch an Pfarrer Don Innocenzo Lazzeri, der sich schützend vor seine Gemeinde stellte und ebenfalls ermordet wurde.

Im Museum erfährt man dann auch, dass sich eine junge Frau damals noch gegen die Terrorschergen wehrte, indem sie verzweifelt einen Holzschuh nach ihnen warf. Und natürlich ist auch jener »Schrank der Schande« (»Armadio della vergogna«), Thema, der 1994 im Palazzo Cesi-Gaddi in Rom entdeckt wurde. Der versiegelte braune Holzschrank stand dort jahrzehntelang mit der Tür zur Wand (!) – und enthielt 695 Dossiers zu 415 mutmaßlichen Kriegsverbrechern. Erst danach setzte die juristische Aufarbeitung ein.

Information:
Tourismusinformation San Miniato: Piazza del Popolo 1, 56028 San Miniato, Provinz Pisa, Region Toskana, Italien, Tel. +39 0571 427 45, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.sanminiatopromozione.it 
Tourismusinformation Dorf Vinci: Via Montalbano 1; 50059 Vinci, Region Toskana, Italien, Tel. +39 0571 93 32 85, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.toscananelcuore.it/vinci 
Toscana Promozione Turistica, Via Vittorio Emanuele II 62, 50134 Florenz, Toskana, Italien, Tel. +39 055 46 28 01, www.visittuscany.com 
ENIT Deutschland, Barckhausstr. 10, 60325 Frankfurt am Main, Tel. 069 23 74 34, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.enit.de
Gedenkstätte Sant`Anna di Stazzema, Historisches Museum des Widerstandes/Nationaler Friedenspark, Via Coletti, 22, Sant’Anna di Stazzema, Tel. 0584 77 22 86, www.santannadistazzema.org 
Juni bis Sept. Di., Do. – Sa. 9.00 – 19.00, Mi., So. 15.00 – 19.00, Okt. bis Mai Di., Do. – Sa. 9.00 – 17.00, Mi. 14.00 – 17.00, So. 14.00 – 18.00 Uhr

Übernachten:
Agriturismo Fattoria Aglioni, Via Gello 12, 56027 San Miniato, Tel. +39 0571 40 80 41, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.aglioni.it 
Zimmer, Apartments, Ferienhaus
Convento San Francesco, Piazza San Francesco 1, 56028 San Miniato, Tel. +39 0571 4 30 51, www.viefrancigene.it/laccoglienza/tutte-le-accoglienze/559-convento-san-francesco-san-miniato-alto.html ; 55 Betten
In der von einem jungen Ehepaar geführten Herberge an der Via Francigena (Frankenweg) gibt man sich ein internationales Stelldichein. Mit ca. 20 Euro ist man dabei! Großartig ist neben der Konvent-Kirche und dem Klosterhof vor allem der imposante historische Speisesaal

Restaurants:
Caffè/Bar Marlene & Roberto Via A. Conti 1, 56028 San Miniato
Do. – Di. 6.00 – 22.00 Uhr
La BisteccheriA, Via IV Novembre 2, 56028 San Miniato, Tel. +39 0571 41 97 59, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.facebook.com/labisteccheriasanminiato 
Tgl. 18.00 – 24.00 Uhr, So. auch mittags
Pepenero, Via IV Novmbre 13, 56028 San Miniato, Tel. +39 0571 41 95 23, www.pepenerocucina.it ; Di und Sa. mittags zu
Einkaufen:
Geschenkpakete:
Bio-Weine, Olivenöl, Hartweizen-Spaghetti, »Strozzapetri« aus Weizenkeimen, Trüffel-, Wildschweinsalami, Hülsenfrüchte und Honig verpackt und verschickt die Fattoria Aglioni (siehe oben). Dank der Kooperation mit der Firma TTAS in Bad Sulza (Thüringen) ist der Versand kostengünstiger auch von Deutschland möglich. Großartig ist z. B. das Toskana-Paket (39,90 € zzgl. Versand)
TTS Product & Service GmbH, Rudolf-Gröschner-Straße 11, 99518 Bad Sulza, Tel. 036461 920 82, www.toskanaworld.net/de/ , www.ttsproduct.com 

Schinken, Salami, Fleisch:
Salumificio Adriana Mancini, Gewerbegebiet San Miniato Basso, Via Guerrazzi 91/93, 56028 San Miniato, Tel. +39 0571 40 02 80, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.salumitoscani.com 
Macelleria Falaschi, Via A. Conti 18-20, 56027 San Miniato, Tel. +39 0571 431 90, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.sergiofalaschi.it 
Do. – Di. 8.00 – 23.00 Uhr

Süße Leckereien:
Pasticceria »Il Cantuccio di Federigo«, Via Paolo Maioli 67, 56028 San Miniato, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.ilcantucciodifederigo.com 
Mo. – Sa. 8.30 – 13.00, 15.00 – 20.00, So. 8.30 – 13.00 Uhr

Trüffel:
Gemignani Tartufi, Via Marconi 89, 56028 San Miniato, Tel. +39 0571 41 94 70, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.gemignanitartufi.it 
Di. – Sa. und 1. So./Monat 11.00 – 18.00 Uhr;
Tartufi Nacci, im Vorort Corazzano, Via Zara 110, 56027 San Miniato, Tel. +39 0571 46 28 46, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.tartufi-nacci.com 

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 15/10/2018

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