Demeter-Siegel und rundum Sonne – Ognissole!

Seit 2014 besticht das an den Hängen der apulischen Hochebene Alta Murgia gelegene Weingut Ognissole mit hochwertigen Weinen. Zuvor hatte Antonio Capaldo, Besitzer des kampanischen Weinguts der Extraklasse, der Feudi di San Gregorio, das seit 1992 biodynamisch betriebene, 96 ha große Areal mit 27 ha Weinbergen übernommen und perfekt restauriert.

Direkt vor den Toren der einzigartigen wie legendären, 2800 Jahre alten Stadt Canosa di Puglia, die Mitte des 3. Jahrhunderts nach Christus als "piccola Roma", "Klein-Rom", zur beneideten Kapitale der zweiten römischen Region "Apulia et Calabria" aufstieg und seit dem 4. Jh. Bischofssitz ist, setzt sich seither die auf Traditionspflege und neueste önologische Erkentnisse basierende Philosophie der Top-Agronomen der Feudi di San Gregorio, Pierpaolo Sirch und Marco Simonit durch. Dabei setzen diese beiden exzellenten "Weinflüsterer" nicht nur auf das Know How etwa der Uni Mailand, sondern vor allem auf die Wahrung des genetischen Erbes der bis zu 200 Jahre alten Weinstöcke. Dass dennoch die Weinmacher auf Ognissole freie Hand haben, betont gleich zu Beginn der Visite der Direktor des Weinguts, Matteo Santoiemma. Der Anfangvierziger, er möchte lieber "responsabile", Verantwortlicher des Weingutes genannt werden, betont die Unabhängigkeit von Ognissole und verweist auch auf den Önologen Luca D`Atoma, der seit der Weinlese 2017 als Berater mit ins Boot geholt wurde. Aber der Reihe nach.

Sonne, Dynamik, leuchtende Farben und Wein: Dafür stehen nicht nur die gepflegten Weinberge des für Apulien typischen Weingutes. Auch das Gutshaus, um 1700 als klassische ländliche apulische Masseria entstanden, dann aber 1904 zum edlen Country House, eher einem Palazzo gleichend, umgebaut und heute perfekt restauriert, strahlt diese Attribute aus. Diese Landresidenz steht heute allen offen. Sie dient als Edel-B&B, mit Suiten im Piano Nobile und großzügigem Belvedere und Möblierung im Stil des 19. Jahrhunderts. Dazu lockt ein wunderbar gepflegter Park mit Schirmpinien sowie Zypressen und Olivenbäumen an dem ebenso schlichten wie herrlichen, aus dem Tuff gehauenen Swimming-Pool. Auch für das leibliche Wohl ist gesorgt. Das Ristorante/Osteria in den einstigen Wirtschaftsräumen verwöhnt mit Speis und Trank auch auf der Außenterrasse. Von der Jahrhundertwende-Villa aus kann man dann auch zu Degustationen starten. Olivenöl der Extraklasse wird in der Villa Cefalicchio gereicht und verkauft. Wein gibt es gegenüber in der Cantina Ognissole, keine 50 Schritte entfernt.

Wer indes eine echte Masseria im klassischen Stil Apuliens erwartet, sollte lieber auf der wenig befahrenen Strada Provinciale 238 sein Glück versuchen. Dort wird er fündig, kann etwa an der Masseria Modesti oder der Masserie Olivieri die steingewordene Vergangenheit und Gegenwart in der Alta Murgia, erleben, auch die in Steinwällen gefassten Pferche jener Hirten entdecken, die hier über Jahrhunderte mit Schafen und Ziegen über die Hochebene zogen und die Pferche als nächtlichen Schutz vor Wölfen bauten. Hier steht auch die Casa Cantoniera Numero 2, deren vermauerte Türe und Fenster, Paszcá, ein junger Künstler aus Ruvo di Puglia, mit herrlichen geometrischen Darstellungen verschönert hat, deren Figuren sich auf das ikonographische Erbe der Daunier stützen – der legendären "Etrusker Nord-Apuliens", die vor allem auf dem Gargano siedelten. Aus den einstigen Pferchen der umherziehenden Wanderhirten entstanden viele der Masserie – und Wölfe ziehen bis heute in der einsamen Alta Murgia umher.

Wer einen Panoramablick auf das steinige, nie mit Süßwasser verwöhnt Hochland und seine welligen Konturen werfen möchte, kann dies natürlich auch von Ognissole aus tun. Weit schweift das Auge über die Olivenhaine, die hier schon ab 1800 v. Chr. angelegt wurden. Und den ersten Wein brachten wohl die archaischen Griechen um 800 v. Chr. mit, als sie hier ihre Magna Grecia gründeten. Aber am schönsten ist die Aussicht vom "Schauinsland" der Alta Murgia, der Dorfterrasse von Poggiorsini. Von der Burg der Orsini blieb nicht viel, doch die Dorfpiazzetta ist ebenfalls ein Blickfang und das Essen in den Trattorie an der Piazza sowieso eine Wucht, vor allem die Pilzgerichte. Ognissole hingegen kann auch mit wildem Rucola und Erdbeerbäumen punkten, die unter den noch jungen Treiben der neuen Nero di Troia-Weinpflanzungen prächtig gedeihen. Denn schließlich ist Ognissole Demeter-Land, besitzt die wohl höchste und am schwersten zu ergatternde Auszeichnung im biodynamischen Landbau. Und natürlich werden die noch jungen Weinstöcke abgeerntet, die Trauben aber nur für den Direktverzehr verkauft. Erst im Alter von etwa zehn Jahren dienen die Weinstöcke der Weinproduktion. Und natürlich werden auf Ognissole auch alle sonstigen ethischen Codes eingehalten, insbesondere die der auf dem Feld auch bei sengender Hitze arbeitenden Landarbeiter. Vorkommnisse wie kürzlich in Foggia bei den Tomatenbauern sind hier undenkbar. Und einerseits at man neue Weinberge angelegt, andererseits aber auch das bestehende Sortiment verschlankt, das nun stark auf das Terroir abzielt.

Dabei hilft auch das zweite Weingut von Ognissole in Apulien, das 100 km weiter südlich in der Manduria nahe dem Gourmetbergdorf Gioa del Colle liegt. Dort wird von einem sehr alten Weinberg mit Primitivo-Reben in "Bäumchenziehung" (metodo all`Alberello), die in einigen Bereichen 80 bis über 100 Jahre alt sind, jene Trauben gewonnen, die für das Flaggschiff von Ognisssole, die Essenzia Loci dient. Der Primitivo-Wein der Extraklasse, auf Kalk- und Tuffsteinschichten mittlerer Konsistenz gereift, schonend gepresst, alkoholisch unter 27°C gegärt und mindestens 12 Monate im Barrique gereift, kommt mit 15 satten Prozenten daher, ist intensiv rot mit Aromen voller roter Beeren. Großartig zu rotem Fleisch, Wildbret und Hartkäse. Er wird unsere Verkostung im kühlen Keller der Tenuta abschließen – und dazu werden Apulien-Spezialitäten gereicht, die sämtlich aus Gioia del Colle stammen. Caciocavallo-Hartkäse, Focaccia nach Bari-Art, herrlicher luftgetrockneter Capocollo, dazu handgefertigten Mozzarella und sagenhafte, sahnefrische Burrata-Kugeln, mundgerechte Frischkäse-Häppchen, für die Gioa del Colle zurecht berühmt ist. Erst einmal wenden wir uns aber den Weißweinen zu. Denn auf Ognissole, nur einen Katzensprung von der Krone Apuliens, dem von Stauferkaiser Friedrich II. dem Staunen der Welt (Stupor Mundi) und "Puer Apuliae" (Sohn Apuliens) erbauten Castel del Monte entfernt, konzentriert man sich auf die Sorten Moscato, Bombino Bianco, Chardonnay sowie eben den Nero di Troia. Da ist erst einmal der Pietraia, ein Castel del Monte DOP aus Bombino Bianco und Chardonnay, der hier, in etwa 2350 m Höhe, prächtig gedeiht. Von Hand gelesen fermentiert der Most in Stahltanks bei 16-18°C und erhält seine schöne strohgelbe Farbe. Fruchtig mit Anklängen an Trockenobst und Nüsse, isst er ideal zu weißem Fleisch und Weichkäse.

Das große Ausrufezeichen setzt aber der zweite Weißwein Jalal. Der Puglia Bianco DOP ist ein reiner Moscato bianco, jedoch ein trockener Moscato, ein Moscato Secco, von dem jährlich nur 1700 Flaschen hergestellt werden. Dabei bleibt er im Preis, wie alle Weine von Oginissole, modest und im Rahmen von 10 bis 20 Euro pro Flasche. Bemerkenswert! Denn dieser Jalal ist ein Wucht und unbedingt zu empfehlen – etwa als Aperitif, aber auch zu Meeresfrüchten, Krustentieren und Käse. Für uns später eine echte Entdeckung. Es folgt ein Rosé, der Pontelama, auch dieser ein unbedingtes Muss. Denn der Castel del Monte Rosato DOP aus Nero di Troia-Trauben, die hier, in einer leichten Variante, auch als Nero di Canosa firmieren, ist intensiv rubinrot, tendiert in den Aromen zu Kirche, ist dennoch trocken, samtig, elegant und ein idealer Sommerwein. Und: Der Pontelama Jahrgang 2017 wurde in drei verschiedenen Behältern vinifiziert: in Terracotta-Amphoren, Edelstahl und Zement. Greifen Sie zu!

Weingut Ognissole.
Weingut Ognissole.

 

Ognisssole bezieht seinen Namen aus dem antiken Griechisch, aus einem Gedicht des Leonidas von Taranto (3. Jh. v. Chr.). Der Poet beschrieb exakt diese Gegend als den ganzen Tag über von der Sonne beschienen, eben "ogni sole". Ognissole, das ist die Essenz Apuliens, Trauben voller Geschmack, Charakter und Eleganz. Folgerichtig ziert auch das Etikett ein Sonnenmosaik aus einem Domus, das Ende 3. Jh./Anf. 2. Jh. v. Chr. erbaut wurde. Das Original ist im Archäologischen Museum in Taranto. Aber man muss nur bis Canosa fahren, um die überwältigende Schönheit der Kathedrale samt Mausoleum des Kreuzfahrerfürsten Bohemund von Tarent (Bohemund I. von Antiochia; 1051/52 – 1111), den unzähligen Hypogäen der Antike oder der Statue für Scipio Africanus zu bewundern und in die Zeit einzutauchen. Die antike Säule für den über Karthago siegreichen Feldherren wurde erst 1996 aufgestellt. Denn im Jahre 216 v. Chr. als Ognissole sicher längst Wein lieferte, war Scipio, gerade 19 Jahre alt, in Canosa, damals Canusium, Tribun und Herr des Oppidum. Hierher flüchtenden nach der in Cannae, heute Canne di Battaglie, desaströs verlorenen Schlacht der Römer gegen Hannibal. Die Überlebenden und erhielten von Scipio wohlwollenden Unterschlupf.

Und so ist die Weltgeschichte zu einem Gläschen Wein, idealerweise einem lokalen Nero di Troia, immer mit präsent. Ognissole verarbeitet die uralte lokale Traube, die vielleicht auch schon Friedrich II. schätzte, in drei Varianten. Neben dem Rosato Pontelama sind dies der rote Romanico als Klassiker zu 100 % Nero di Troia, dazu der Brecciato, eine Cuvée mit Montepulciano-Trauben. Handlese, Selektion und lange Mazeration zeichnen den Romanico aus, der mit intensivem Rubinrot und leichten orangefarbenen Reflexen aufwartet und nicht mit Aromen nach Trockenfrüchten, Nüssen, Gewürzen, sogar Lakritz geizt. Mit ca. 30 000 Falschen pro Jahr stellt er den Hauptpart auf Ognissole, deren Gesamtjahresproduktion ca. 120 000 Flaschen erreicht. Noch überzeugender ist der Blend Brecciato mit einer Nuance nach reifer Kirche, trocken und samtig wie auch der Rosato. Etwa 15 000 Flaschen werden jährlich abgefüllt. Schließlich gibt es vom Spitzenwein Primitivo auch noch den Gioia del Colle Primitivo DOC. Aber Apulien-Kenner und –Liebhaber werden sowieso auf ihn zurückgreifen, wenn nicht sogar auf die Essenzia Loci.

Überhaupt lohnt der Ausflug hierher zu Ognissole gerade im August. Überall finden Patronatsfeste statt, San Lorenzo lockt am 12.8. zu Sternschnuppen, am 15.8. ist Ferragosto, Mariä Himmelfahrt und Feiertag seit den Zeiten des Kaisers Augustus, und am 16.8. steht dann alles im Zeichen von Rocco und seinen Brüdern. Gemeint ist San Rocco, der pestheilige Sankt Rochus, dem z. B. von Tausenden im nahen Ruvo di Puglia mit einer nächtlichen Prozession samt spektakulärem Feuerwerk die Ehre erwiesen wird. Spätestens nach Ende des Spektakels geht es auf die nächste Piazza, um dann open air in einem Ristorante die kulinarischen Schätze Apuliens und dann natürlich auch einen hervorragenden Wein, z. B. von Ognissole zu genießen. Oder man bleibt glich in aller Stille auf Gut Ognissole, genießt die Trattoria und den Wein und findet sich auch ohne jeden Rochus perfekt zurecht.

Information:
Wein: Tenuta Ognissole, Contrada Cefalicchio, SP 143 Km 3, 76012 Canosa di Puglia, Region Apulien, Italien, Tel. +39 0825 98 66 86, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.ognissole.it 
sowie generell Weingut Feudi di San Gregorio, Loc. Cerza Grossa, 83050 Sorbo Serpico (Avellino), Region Kampanien, Italien, Tel. +39 0825 98 66 83, www.feudi.it 
Übernachtung/Restaurant: Az. Ag. Cefalicchio Sarl (B&B Cefalicchio Ognissole), SP 143 Km 3, 76012 Canosa di Puglia, Region Apulien, Italien, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.aziendaagricolacefalicchio.it 
Buchung B&B: Salvatore Cannito, Tel. +39 339 836 29 87, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.
Reservierung Restaurant/Osteria: Sabino Scolletta, Tel. +39 329 743 88 15, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 26/09/2018

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