Krabbel-Food: Menü mit Mehlwürmern und Grillen

Mehr als nur eine Schnapsidee: der Schweizer Jungunternehmer Christian Bärtsch bringt Nahrungsmittel mit Insekten auf den Markt. Zielgruppe: jung, urban, gebildet...

Vorbei an Tim Mälzers Bullerei, zwei Straßen weiter und hinein in einen Abend mit ungewöhnlichen Lebensmitteln. Jüngst präsentierte Christian Bärtsch, 28, in Hamburg was man alles aus Mehlwürmern und Co. auf die Teller bringen kann.

Nun, für Asienaffine sicher nicht zwingend überraschend, für den wenig querdenkenden Genießer vielleicht eher ungewöhnlich. Denn bereits vor dem eigentlichen Menü gab es als kleine "Knabberei" einen Querschnitt der Insekten-Genüsse. Dabei war ein Burger Pattie auf Weißbrot mit Tomaten: Inhalt 30 Prozent (garantiert) Mehlwurm. Oder auch ein Falafel-Bällchen (Essento-Balls) mit ebenfalls 25 Prozent Mehlwurmanteil. Alle Kleinigkeiten stets getoppt mit der kleinen Hinweis-Flagge: Insects Inside!

Gesetzeslage

"Ich esse auch nicht täglich Insekten bzw. Nahrungsmittel die Insekten enthalten. Aber sie gehören zu meinem Leben dazu, ganz selbstverständlich", erzählt uns der Jungunternehmer im Gespräch. Die Idee, Insekten als Nahrungsmittel auch der breiten Öffentlichkeit zugängig zu machen, entstand bereits vor fünf Jahren. Denn im Jahr 2013 veröffentlichte die UNO einen Bericht über essbare Insekten – und den bekam der heutige Geschäftsführer der Essento AG in die Hände. Der studierte Volkswirt startete dann in der Zeit mit den ersten Versuchen, Insekten als Nahrungsmittel zu nutzen. Wachsmottenlarven und Mehlwürmer hielten dazu her, wurden gekocht oder in Öl angebraten. Zunächst noch in eigener Zucht.

Als der Bedarf im Laufe der Zeit zunahm, wurde ein Unternehmen gesucht und gefunden, dass sich speziell der Zucht von Mehlwürmern (Tenebrio molitor), Grillen (Acheta) und Heuschrecken (Locusta) widmen konnte. Aber als wichtigste Voraussezung spielte es Essento natürlich in die Karten, dass es seit dem 1. Mai 2017 in der Schweiz überhaupt zulässig ist Insektenarten bzw. Lebensmittel mit Insekten zu verkaufen. Auch in Deutschland kam Bewegung in die Gesetzgebung. Denn seit Beginn des Jahres wurde auch der Verkauf laut EU-Verordnung deutlich vereinfacht. Unternehmen, die Interesse daran haben, in Europa und somit auch in Deutschland Lebensmittel mit Insekten zu verkaufen, können entsprechende Anträge stellen. Bärtsch hat diese Anträge bereits gestellt und wartet jetzt noch auf die - wahrscheinliche - Zulassung.

Schweizer Jungunternehmer Christian Bärtsch.
Schweizer Jungunternehmer Christian Bärtsch.

 

Zielgruppe und Nachhaltigkeit

"Als Zielgruppe sehe ich junge, urbane und gebildete Bürger", sagt Bärtsch. Und damit dürfte er gar nicht so schlecht liegen. Denn das Bewusstsein für die Umwelt und der Nachhaltigkeitsgedanke dürfte mehr als nur ein Trend sein. Die Fleisch-Massenproduktion ist bekanntlich eine Belastung für Landflächen und auch bezüglich der Wasserbilanz nicht optimal. Ein Kilogramm Rindfleisch erfordert etwa 22.000 Liter Wasser, bei Mehlwürmern, Grillen und Heuschrecken ist es hingegen nur ein Bruchteil dessen. Ähnlich verhält es sich bei den nötigen Futtermitteln. Ein Kilogramm Fleisch von Grillen benötigt in etwa zwei Kilogramm Futtermittel. Zum Vergleich: ein Kilogramm Rindfleisch benötigt die zwölffache Menge.

Festzuhalten bleibt aber, dass Insekten – mal abgesehen von den "Snacks" – meist nur ein geringer Bestandteil in Lebensmitteln sind. Und sicherlich kann es Interessant sein, wie sich zukünftig Prozesse Tierschutz oder auch die entsprechende Haltung per Gesetz manifestiert. Denn gerade in diesen Bereichen ist bezüglich der Insekten als Nutztiere noch vieles ungeklärt.

Alles eine Frage der Optik

Damit Insekten auch der breiteren Öffentlichkeit nähergebracht werden kann, ist es zunächst einmal wichtig an der Optik zu arbeiten. Mit dem Fruchtriegel "Insect Bar" zum Beispiel, hat Essento ein Produkt auf den Markt gebracht, dass nicht nur optisch, sondern auch geschmacklich kaum mit Insekten in Bezug gebracht werden kann. Natürlich, die Aufschrift und der Hinweis auf der Verpackung deutet mehr als nur darauf hin, dass hier Insekten im Lebensmittel sind. Aber geschmacklich ist davon eher wenig zu vernehmen. Im Gegenteil: er ist sehr fruchtig und hat eine enorme Süße. Kein Wunder: Datteln und Sultaninen sind die Basis.

Mehlwürmer: Trend oder Ekel?
Mehlwürmer: Trend oder Ekel?

 

Unter dem Titel "Grillen, Heuschrecken und Co.", haben Christian Bärtsch und Adrian Kessler jüngst ein Kochbuch erstellt (AT Verlag), dass nicht nur Gerichte wie Kürbiscremesuppe mit Amaretto-Mehlwürmern, Teriyaki-Heuschreckenspieß, Mehlwurm-Erbsen-Paste oder auch Marrokanischen Coucoussalat mit Kräutergrillen beschreibt, sondern auch einen Teil den Gourmetrezepten gewidmet hat. Sechs Gourmetköche haben eigens für das Buch Rezepte geliefert, in denen Insekten verarbeitet werden. Von der Basler Mehlwurmsuppe bis zur Insekten-Tortillita: es gibt Interessantes zu lesen – und vielleicht auch auszuprobieren. Wenn schon Insekten, dann vielleicht genau so zubereitet, wie in dem Kochbuch beschrieben. Empfehlenswert!

Weitere Informationen unter: www.essento.ch und www.zuerich.com/de

 

Impressionen:

 

Fotos: Essento, Jannik Jacobs

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Zuletzt bearbeitet am 28/09/2018

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