Volle Pulle in die Freiheit...

Kein Geringerer als die toskanische Adelsfamilie Frescobaldi, seit 700 Jahren einer der renommiertesten Weinerzeuger Italiens, betätigt sich seit August 2012 in einem besonderen Sozialprojekt: »Frescobaldi per Gorgona« (Frescobaldi für Gorgona) entstand auf nur einem Hektar Anbaufläche an einem besonderen Ort: Denn die Insel Gorgona, 37 km vor der toskanischen Küste, ist Europas letzte Inselstrafkolonie…

Hier produzieren nun die Marchesi de`Frescobaldi, federführend Lamberto de`Frescobaldi, herausragenden Weißwein und mit dem ersten Jahrgang 2015 nun auch fulminanten Rotwein der Extraklasse – ein Riesenerfolg!

Im September 2013 konnte Giorgio Napolitano, Italiens damaliger Präsident, die allererste Magnum-Flasche (1,5 l) »Gorgona« in Empfang nehmen. Und er tat es mit Freuden, hatte er doch das Projekt auf jener sagenumwobenen Gefängnisinsel tatkräftig unterstützt, die seit 1869 italienische Strafgefangene, darunter höchste Mafia-Bosse und teils auch Mitglieder der Roten Brigaden beherbergt hat.

Dabei war der Weg hin zur Realisierung dieser ebenso kuriosen wie großartigen Idee keineswegs einfach. Heute aber steht vor allem der Weißwein »Gorgona« für die gelungene Reform des italienischen Strafvollzugs – und für die Klasse der Agronomen, Önologen und Winzermeister des Frescobaldi-Imperiums, das schon in der Renaissance die Päpste, Europas Fürstenhöfe und Könige wie Englands Heinrich VIII. mit herausragenden Tropfen belieferte. Denn die Idee, mit Strafgefangenen Wein anzubauen, stieß zwar auf große Zustimmung, doch musste alles bis ins kleinste Detail abgeklärt werden. Ein Grund war, dass auf Gorgona vorzugsweise Häftlinge eintrafen, die mehr als 15 Jahre Strafe abzubüßen hatte. Allerdings gelangten und gelangen nur solche hierher, die bereits den Großteil abgebüßt haben und nun auf der letzten Etappe auf ein Leben in Freiheit vorbereitet werden. Zudem müssen sie sich für diese Resozialisierungsmaßnahme bewerben und dürfen sich zuvor in der Haft nichts zu Schulden gekommen haben lassen.

Erfolg im Weinberg: 96 Punkte!!!

Und die Arbeit der Gefangenen vor Ort, ihre Bodenpflege, die Lese und das Keltern, war und ist entscheidend für den Erfolg der Winzerarbeit vor Ort. Doch schon die Präsentation des ersten Weißweins – gerade 2700 Flaschen – im Mai 2012 gab den Machern Recht. Im Nu war der fulminante Tropfen – für satte 50 € die Flasche – vergriffen. Natürlich spielte dabei das Engagement von Lamberto Frescobaldi eine herausragende Rolle. Aber auch das Terroir auf Gorgona selbst. Natürlich ist alles auf dem schon 1999 angelegten Weinberg rigoros biologisch! Und den Erfolg garantiert die Expertise der Frescobaldi-Fachleute – auch in der hier hier betriebenen ökologischen Landwirtschaft, im Gemüse- und Obstanbau.

Weinberg auf Gorgona.
Weinberg auf Gorgona.

 

Dabei war anfangs nicht einmal klar, welche Werkzeuge und Hilfsmittel auf der Insel erlaubt und damit einsetzbar waren. Denn die Gefängnisverwaltung hatte naturgemäß Bedenken und machte das, was sie wohl auch tun muss: Sie mauerte! Dann aber gelang Marchese Lamberto de´ Frescobadi im Juni 2014 der Druchbruch und damit der große Wurf. Mit dem Abschluss eines Zehnjahresvertrags konnte das Projekt bis 2024 gesichert werden. Der Landmaschinenhersteller Argotractors stiftete einen für Weinberge tauglichen Traktor, womit die Arbeit an den 60 m über dem Meer auf Sand reifenden Trauben am Südhang von Gorgonas Höhenzug Il Campone losgehen konnte.

Die Trauben gelangen nun in Stahltanks, werden dann in Barrique-Fässer umgefüllt und aufs Festland transportiert, wo später die Flaschenabfüllung erfolgt. Die Ernte 2013 erbrachte schon 3500 Flaschen und ca. 150 Magnumflaschen, allesamt heute extrem nachgefragte Raritäten! Kunststück: Denn 2013 platzierte ein weiterer Unterstützer, Italiens blinder Startenor aus der Toskana, Andrea Bocelli, seine Meinung zu Wein und Musik sogar auf dem wie historische Zeitungsausgaben gestylten Etikett. Diese Etiketten schafft das Florentiner Studio Doni & Associati, natürlich gratis.

Und ein weiterer Prominenter ist mit an Bord: Giorgio Pinchiorri, Eigner der weltweit renommierten Florentiner Enoteca Pinchiorri, öffnete seinen Weinkeller und vor allem die Küche mit den Bioprodukten von Gorgona. Und so tauchen auf der Speisekarte immer wieder inseltypische, teils auch historische Gerichte auf – mit Ernteprodukten des Sozialprojektes. Schließlich sind auch die Strafgefangenen Gewinner dieses Projektes. Denn sie können vor ihrer Freilassung nicht nur 300 Euro pro Monat hinzu verdienen. Tagsüber dürfen sie sich auch auf der Insel frei bewegen. Die Zellentüren des Gefännisses bleiben geöffnet.

Und so nimmt es nicht Wunder, dass die am Weinprojekt Beteiligten im Jahr 2015 enthusisasmiert einen weiteren Hektar Weinberg anlegten, auf dem erneut Vermentino gedeihen soll. Denn der Weiße »Gorgona« wird aus aus Vermentino- und Ansonica-(bzw. Inzolia-)Reben hergestellt. In jedem Fall steigen seither Quantität wie Qualität. Die im Juni 2017 vorgestellte Ernte 2016 wurde von der internationalen Weinkritik mit fabelhaften 96 von 100 möglichen Punkten honoriert. Absolutes Weltniveau! 4000 Flaschen dieses trockenen, indes vollmundigen, kupfern goldenen »Gorgona« IGT Costa Toscana 2016 (13 %; 0,75- und 1,5 l-Magnumflaschen) sind im Handel, verziert erneut mit einem wunderbaren Etikett zum Thema »Biodiversität« auf Gorgona! In Deutschland 2018 werden sie aktuell für respektable 89 € pro Flasche gehandelt!

Das fertige Produkt: Gorgona Wein.
Das fertige Produkt: Gorgona Wein.

 

Der nächste Coup: »Gorgona Rosso«

Seit 2018 ist nun eine weitere Rarität auf dem Markt, der erste rote »Gorgona Rosso« IGT Costa Toscana 2015 aus Sangiovese und 728 Rebstöcken auf Gorgona mit perfekt akklimatisierten Vermentino Nero-Trauben. In Italien wird er bereits mit 169 € ausgepreist – pro Flasche!!! Aber Geld ist bei diesem Projekt eben nicht alles. Die Resozialisierung funktioniert, die Rückfallquote der von Gorgona in die Freiheit Entlassenen ist äußerst gering, liegt deutlich unter 20 % und beträgt nur ein Drittel der auf dem Festland Einsitzenden. Und natürlich ist der Wein auf den seit mindestens 140 Jahren nie kontaminierten Böden eine Wucht.

Erfreulich auch, dass der Nationalpark Toskanischer Archipel mit den Justizbehörden und der für Gorgona zuständigen Stadt Livorno ein Abkommen schließen konnte, das nun auch wieder den Inselbesuch für Touristen ermöglicht. Allerdings muss man stets auf dem vorgeschriebenen Weg und beim Guide bleiben, darf weder Mobiltelefon noch Foto- oder Videokamera benutzen und hat womöglich weniger Bewegungsfreiheit als Gorgonas Gefangene. Aber es ist natürlich ein einmaliges Erlebnis, noch dazu mit Picknick, das auch von den Gefangenen mit großer Freundlichkeit vorbereitet wird. Und es gilt die Devise. Volle Pulle in die Freiheit – aber nur resozialisiert! Denn die Flucht von Gorgona gelang noch keinem!

Information:
Marchesi de` Frescobaldi, Via Santo Spirito, 50125 Florenz, Italien, https://de.frescobaldi.com/
Gorgona-Weinverkauf Deutschland: Ludwig von Kapff, Tel. 0421 399 43 17, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.ludwig-von-kapff.de/frescobaldi-700-jahre-toskanische-spitzenweine/ , www.ludwig-von-kapff.de/frescobaldi-gorgona.html 

Besuche auf der Insel Gorgona:
Information: Infopark, Calata Italia 4, 57037 Portoferraio (Elba), Tel. +39 0565 90 82 31, www.parcoarcipelago.info 
Tagesausflüge/Inselführungen: Toscana Mini crociere mit Toscana Trekking, Viale del Tirreno 373, 56128 Tirrenia (Pisa), Tel. +39 334 2 37 79 41, Tel +39 347 7 92 24 53, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., http://lnx.toscanaminicrociere.it/gorgona-2015/, www.toscanatrekking.it/Gorgona%202014.htm 
Reiseführer: Baedeker »Toskana«, Mair-Dumont, Ostfildern, 2018

Fotos: Frescobaldi

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Zuletzt bearbeitet am 29/08/2018

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