Back to the roots in einer globalisierten Weinwelt

"Großer Wein entsteht im Kopf", sagt Ernst Loosen. Wie er das meint? Das erklärt der Chef des Moselaner Weinguts Dr.Loosen am Rande der Weinmesse Véritable, die jährlich im charmanten Örtchen St.Martin in der Pfalz stattfindet.

Die Macher Uwe Warnecke und Philipp Kiefer baten das Urgestein der Mosel, der auch in der Pfalz und den USA aktiv ist, zum Vortrag – und Ernie Loosen brachte die Prämissen seiner Weinbau-Philosophie direkt auf den Punkt:

"Warum guter Wein schon im Kopf entsteht, ist ganz einfach", erklärt Loosen. "Ich muss mich schon darum kümmern, sonst habe ich schlimmstenfalls Essig als Ergebnis." Damit streift er auch eine in der Weinwelt zurzeit omnipräsente Diskussion: Inwieweit greift der Winzer in das Geschehen bei der Weinbereitung ein, allein schon durch seine Entscheidungen? Kann man Wein eigentlich als reines Naturprodukt sehen bzw. kann man dem Wein so viel Raum geben, wie er braucht, um sich natürlich und bestmöglich zu entfalten? Und das ohne viel Beeinflussung?

Ja, kann man bis zu einem gewissen Punkt… - aber man hat dabei doch immer eine Vision und fällt Entscheidungen. Und der Entschluss für diesen oder jenen Weg entsteht nun mal im Kopf.

Die globalisierte Weinwelt schafft Extreme

Die heutige globalisierte Weinwelt äußert sich mit vielen Facetten und Tendenzen. Auf der einen Seite ermöglicht die immer ausgeklügeltere Technik auch eine immer bessere Kontrolle des Weins, viele Stellschrauben können gedreht werden – manchmal bis hin zu einem Wein, dem man entweder "das Gemachte" sehr anmerkt oder aber der einfach "perfektioniert" wirkt.

Auf der ganz anderen Seite zur technisierten Weinwelt nennt Loosen die Naturweinszene, die sich in den letzten Jahren immer mehr etablierte.

"Soll jeder trinken, was er mag!"

Auch dort sind alle möglichen Nuancen zu finden – von einer wahren Freakshow inklusive ihrer Extreme - Sauerkraut- oder Essig-Nuancen lassen grüßen - bis hin zu wahren Persönlichkeiten, die zeigen, das Wein lebendig ist, mit eigenem Charakter. Und dass dessen Genuss Erleben und Horizonterweiterung bedeuten kann. Jeder hat inzwischen mitbekommen, wie auch darüber die Köpfe heißdiskutiert werden.

Ernst Loosen wählt einen anderen Ansatz: "Mir fällt bei so manch einem extremen Naturwein zwar der Begriff "Kuhstall" ein, aber ich will diese Pro-und Contra-Debatte gar nicht weiter befeuern. Es soll jeder trinken, was er will. Ich gehe einen ganz anderen Weg - und der ist noch lange nicht zu Ende". Back to the roots, heißt es für ihn, zurück zum Erbe der Vorväter und alter Weinbereitung.

Weingut Dr.Loosen, Bernkastel.
Weingut Dr.Loosen, Bernkastel.

 

Terroir, Tradition, der Faktor Zeit – und das Erbe der Großväter

Was uns alle bewege, sagt Loosen, sei doch die Frage: "Was ist Ausdruck von Terroir, was ist Original und was Kopie in der heutigen globalisierten Weinwelt?"

Hier haben wir Extreme wie Romanée-Conti, für deren paar Flaschen es Wartelisten gibt, auf der einen Seite – und Unmengen von seelenlosen Weinen aus Massenproduktion auf der ganz anderen. "Auch der Riesling wird weltweit immer beliebter, er wächst inzwischen weit über den Globus verteilt" sinniert er und fragt sich: Wie haben unsere Vorfahren Riesling erzeugt?

"Mein Großvater hat nie einen Kabi getrunken, der jünger als 15 Jahre war", erinnert sich Loosen und besinnt sich auf die verschiedenen Ansätze in der eigenen Familie, die auf lange Weinbautradition zurückblickt. Die Familie mütterlicherseits produzierte eher restsüße Weine – väterlicherseits wurde schon damals trocken ausgebaut.

Eine Flasche von 1947, die er vor Kurzem öffnete, war "perfekt - und das im Zeitalter von Premox (=vorzeitige Oxidation)!". Dies sei nur über absolut sauberes, perfekt gereiftes Lesegut möglich gewesen. "Aber eigentlich war ich mir gar nicht immer bewusst, dass Trockene von der Mosel tatsächlich so gut reifen können".

Auf der Suche nach der alten Machart

Es sei gar nicht so leicht und selbstverständlich, lange verschüttete Tradition wieder zu entdecken, stellte er fest und begab sich auf die Recherche. Alte Bücher wurden gewälzt, andere Winzer gefragt, die wiederum in den Aufzeichnungen, Büchern und Erinnerungen aus vergangenen Zeiten wühlten. Manch hilfsbereiter Kollege schickte uralte Kopien oder Schriften, die unglaublich interessant zu lesen sind, wie man auf einigen Auszügen während des Vortrages sehen konnte.

...aus den alten Winzerhandbüchern: langes Hefelager und Langlebigkeit.
...aus den alten Winzerhandbüchern: langes Hefelager und Langlebigkeit.

 

Daneben bestätigte Loosen auch den Austausch mit Winzern aus dem Burgund über die Machart von vor 100 Jahren: "Sie bevorzugten eher Reduktives, einen eleganten, nicht zu üppigen Stil – so wie wir früher zum Teil auch mit unseren Trocknen von der Mosel", sagt er.

"Damals wusste man mehr über den Faktor Zeit, als heute, wo unter Umständen mit diversen Hilfsmitteln Einfluss genommen werden kann. "Man ließ die Weine sehr lange im Holz auf der Hefe liegen, ohne Bâtonnage (=Aufrühren der Weinhefe) oder Abstechen (=Trennen des Weins vom Bodensatz). Damals wurde eben auch abgewartet, bis sich die Weine natürlich klärten".

"Ich hab` `nen Plan"

Überhaupt, das Hefelager – die Relevanz für die Stilistik ist erheblich: Liege der Wein ein Jahr auf der Hefe, so Loosen, wirke er rustikaler, unbändiger. Gewähre man ihm zwei Jahre, mache es ihn runder, eleganter, mit feiner Extraktsüße, aber eben ohne oxidative Note.

Dann allerdings könne er sich mit drei Jahren auf der Hefe wiederum verschlossener, mit prägnanter Säure zeigen. Man sehe also: "So richtig spannend wird das Experiment nach 20 Jahren! Dann fängt das Finetuning an!" Und entsprechend griff er die damaligen Ansätze auf: Die Weine sollen mindestens 15 Jahre im Keller bleiben. "Ich hab` `nen Plan: einfach mal liegen lassen!" verkündete er seiner Familie. "Mal sehen, wie lange mein jüngerer Bruder Geduld mit mir hat", fügt er augenzwinkernd hinzu, denn günstig und einfach mal eben logistisch umsetzbar ist das nicht.

Wein à la Benjamin Button

Diese Idee verfolgt er allerdings schon eine ganze Weile: "Angefangen zu Experimentieren hatte ich mit einer 1981er Wehlener Sonnenuhr Spätlese", so Loosen. Er beließ sie im traditionellen Fuder und wartete ab, wohin die Reise geht.

Die Lage Wehlener Sonnenuhr.
Die Lage Wehlener Sonnenuhr.

 

"Und was ist in den 27 Jahren passiert? Sie ist nicht oxidiert, ganz im Gegenteil, sie ist in der Aromatik eigentlich immer frischer geworden" sagt er und fügt begeistert hinzu: "Das ist quasi mein Benjamin-Button-Wein" – ein Wein der sich auf seine Art mit der Zeit immer mehr findet, an Stimmigkeit und Frische gewinnt. Weitere Konsequenz seines Experiments: seit 2008 gären die Weine nun spontan und im Holz.

Auch in im Washingtoner Weingut St.Michelle, wo Ernst Loosen 1999 im Rahmen eines Joint Ventures eingestiegen ist, gab es in der Zwischenzeit entsprechende Neuerungen. Eine weitere Rolle spielte hier die Hitze der Region: Neben neuen Maßnahmen im Weingarten (verlängerte Hängezeit der Trauben, individuelle Wasserversorgung je nach Rebsorte, Grabenbewässerung, Begrünung, zusätzlicher Anbau auf anderen Höhen) wird den Weinen hier seit 2016 ein längerer Hefekontakt gewährt. Ebenso im großen Holzfass.

Überzeugungsarbeit in den USA

Diese Neuerungen dort einzuführen sei lange Überzeugungsarbeit gewesen, so Loosen. "In den USA hatte man oft Angst vor natürlichen Hefen". Doch das Ergebnis erfreute die skeptischen Gemüter: waren die Weine doch um einiges komplexer und auch trockener.

Dass sich dies nicht durch das komplette Sortiment ziehen könne, sei auch verständlich: "Wir sind auch nicht ignorant gegenüber bestimmten Trends und Mode, die Amis wollen mehr Restsüße – also machen wir auch sowas". Aber es sei ganz nebenbei sowieso eine Tendenz weg von zu viel Süße zu verzeichnen. In zehn Jahren werde sich das noch mehr reduzieren.

Ernst Loosen mit einer Flasche Ürziger Würzgarten: Hier entstehen Weine die von exotischer Frucht, Gewürzaromen und Erdigkeit geprägt sind.
Loosen mit einer Flasche Ürziger Würzgarten: Hier entstehen Weine die von exotischer Frucht, Gewürzaromen und Erdigkeit geprägt sind.

 

Alter Wein und Gänsehaut

Zum Abschluss resümiert Ernst Loosen noch einmal: seine Philosophie, den Weinen mehr Zeit zu geben und zu sehen, wie sie sich entwickeln sei wie eine Art experimentelle Archäologie. Die Winzer können einen Weg gehen, der dem ihrer Großväter sehr nahe kommt, ohne jedoch dabei rückwärtsgewandt zu sein.

Es gehe vielmehr um die Unverwechselbarkeit ihrer Weine. Das individuelle Terroir. Große Weine sind der perfekte Ausdruck des Bodens, des Klimas, der Rebsorte und der jeweiligen Jahrgänge.

Und wenn wir mal ganz ehrlich sind: wen hat es nicht fasziniert, wenn er einen Wein im Glas hatte, dem ausreichend Zeit gegeben wurde, sich zu entwickeln, der zeigen konnte, wo er herkommt, wo er hin will – und überhaupt hin kann... der Tiefe und Charakter hat!?

Ein Wein, der die Möglichkeit bekam, sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit zu entwickeln und zu zeigen, was dies für uns, die diesen Wein später im Glas haben, für ein wunderbarer Genuss sein kann.

Um mit Ernie Loosens Worten abzuschließen: "Diese Gänsehaut beim Trinken dieser älteren Weine kriege ich immer wieder aufs Neue!"

Ürziger Würzgarten: Der verwitterte rote, schieferige Vulkangestein macht den Ürziger Würzgarten einzigartig an der Mosel.
Ürziger Würzgarten: Der verwitterte rote, schieferige Vulkangestein macht den Ürziger Würzgarten einzigartig an der Mosel.

 

Links:

Weinmesse Véritable im Weingut Aloisiushof, St.Martin an der Weinstraße: https://veritable.de

Fotos: Daniela Stubbe, Leigh-Ann Beverley, Chris Marmann

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Zuletzt bearbeitet am 19/08/2018

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