Bocuse d`Or Europe 2018: Turin im Kulinarikfieber

Wohl kaum eine andere kulinarische Veranstaltung bewegte die Turiner in der jüngeren Vergangenheit so sehr wie der Bocuse d`Or Europe 2018. Werbefahnen in der ganzen Stadt schürten schon Wochen vor Beginn des Events das Feuer für diese Veranstaltung der Extraklasse!

Seit Monaten ist das Event, das im Oval von Turin, etwa zehn Minuten vom Stadtzentrum entfernt ausgetragen wurde, mediales Thema in der "Regione Piemonte". Denn im Piemont scheinen die Menschen mit einem Food-Gen geboren zu sein. Die Region ist Geburtsort des Wermuts, der "Gianduiotti Chocolate, einer Nougatpraline aus piemontesischen Haselnüssen (Tonde Gentili delle Langhe), Heimat des weißen Alba Trüffel oder auch der "Grissini Bread Sticks". Und begibt man sich auf die Suche nach Kuriositäten, dem Besonderen oder einfach nach leckerem Essen, bietet gerade Turin als Füllhorn der Kulinarik mehr als genug an.

Gut 40 Michelin prämierte Genusstempel machen das Piemont zur kulinarischen must-see Region. Und als Entstehungsort der Slow-Food-Bewegung sind die meisten Gastronomen ohnehin bemüht, höchsten Standard und Nachhaltigkeit auf die Teller zu bringen und die Gäste mit den besten piemontesischen Tropfen aus deren Kellern zu versorgen. Apropos Keller: Unbedingt sehenswert ist die "la Banca del Vino", in der mehr als 100.000 Flaschen der 300 bedeutendsten italienischen Weingüter gelagert werden. Slow Food-Gründer Carlo Petrini entwarf die Idee der Weinbank 2001, um die Geschichte des Weins Italiens zu bewahren. Heute ist das Museum öffentlich zugänglich und bietet auch Weinproben und Veranstaltungen an.

Das Oval in Turin: Veranstaltungsort des Bocuse d`Or Europe 2018.
Das Oval in Turin: Veranstaltungsort des Bocuse d`Or Europe 2018.

 

EDIT erobert Turin

Einige der guten italienischen Weine sind natürlich auch in den Restaurants Turins zu finden. So zum Beispiel auch im EDIT (Eat Drink Innovate Together). Das neue Restaurantkonzept des Unternehmers Marco Brignone befindet sich unweit des Stadtkerns in einer ehemaligen Elektrokabelfabrik. Nun, das Ambiente außerhalb des EDIT ist sicher nicht chic. Aber dies ist natürlich der Kultur und Historie Turins geschuldet. Als ehemalige Industriemetropole waren große Teile der Stadt auf produzierende Betriebe ausgerichtet. Und natürlich sind in den Arbeiterregionen auch die Wohnungen und Häuser eher auf Masse als auf Klasse ausgelegt. Aber vielleicht ist genau das auch der Charme der Stadt, fast ein Aushängeschild, und macht die Po-Metropole so "natürlich".

Im EDIT wurde zunächst eine Brauerei untergebracht um Craft Beer zu produzieren. Da dieses Gebäude aber aufgrund der Größe enorme Möglichkeiten bot, schlossen sich eine Cocktailbar, eine Bäckerei und Kneipe an. Doch das besondere kulinarische Erfolgskonzept versteckt sich im oberen Teil der ehemaligen Fabrik. Das Gourmetrestaurant, gerade mal neun Monate geöffnet, startete mehr als erfolgreich gleich im ersten Jahr mit einem Michelin Stern. Im EDIT bekommt der Begriff der Erlebnisgastronomie frischen Rückenwind - und auch hier gilt: unbedingt anschauen!

Das EDIT in Turin.
Das EDIT in Turin.

 

Bocuse d`Or Europe 2018

Doch wie eingangs erwähnt, war die jüngste mediale Vergangenheit geprägt vom Bocuse d`Or Europe 2018. Im Oval der Metropole trafen sich die Vertreter von 20 Nationen, um sich im kulinarischen Wettkampf zu messen. Es war auch das erste Mal, dass sich Südeuropa als Austragungsort der Veranstaltung auf die Kulinarik-Landkarte eintragen konnte. Nach den Stationen Norwegen, Schweiz, Belgien, Schweden und Ungarn, hinterlässt nun also auch Italien seine Fußspuren in der Historie des Bocuse d`Or. Zunächst ist die Veranstaltung "nur" eine Zwischenstation. Das Finale der Veranstaltung findet im Januar 2019 in Lyon statt.

Klassischerweise sind die Vertreter der Länder Norwegen, Dänemark und Schweden immer eine Bank beim Bocuse d`Or Europe gewesen. Für Norwegen konnten Geir Skeie (2008) und Orjan Johannessen (2012) bereits zweimal die Goldmedaille gewinnen (2012 und 2016: Silber; 2014: Bronze). Schweden gewann 2014 mit Tommy Myllymäki Gold, 2012 Silber (Adam Dahlberg) und Bronze 2008 / 2016 (Jonas Lundgren / Alexander Sjögren). Deutschlands Nachbarland Dänemark konnte 2010 die Goldmedaille erkochen, Silber gabe es 2008 und 2014 (Jasper Kure, Kenneth Toft-Hansen), sowie Bronze im Jahr 2012 durch Jeppe Foldager.

Vollbesetzte Ränge sorgten für Stimmung. Hier: englische Fans.
Vollbesetzte Ränge sorgten für Stimmung. Hier: englische Fans.

 

Hochkarätige Jury

Deutschland spielte in den vergangenen Jahren der Veranstaltung so gut wie keine Rolle. Zumindest gab es nie eine Platzierung, die für einen Schritt aufs Treppchen ausgereicht hätte. Um dies diesjährig zu ändern, machte sich Marvin Böhm (29) aus dem Aqua (Ritz Carlton, Wolfsburg) mit Coach Ludwig Heer auf, bereits am ersten Tag der Veranstaltung die deutsche Fahne hochzuhalten. Seine schärfsten Mitbewerber waren unumstritten der Norweger Christian Andre Pettersen (Mondo, Sandnes), Schwedens Vertreter Sebastian Gibrand und Dänemarks Kenneth Toft-Hansen aus dem Svinklov Badehotel (Fjerritslev). Der 36-jährige Däne galt im Vorfeld als Zweitplatzierter von 2014 schon ein wenig als Favorit.

Allerdings mussten alle Teller zunächst auf die Tische der hochkarätigen Jury. Deutschlands Patrik Jaros (Food Look Studio GmbH) war dabei, neben ihm Spaniens Kochikone Martin Berasategui, Rudolf van Nunen (Atlantic), klassischerweise mit Fliege, und Bent Stiansen (Statholdergaarden). 16 weitere Jurymitglieder, sowie Jérôme Bocuse (Präsident Bocuse d`Or), Carlo Cracco (Ehrenpräsident) und Tamás Széll (Präsident der Jury) komplettierten das Feld der "Bewerter". Am Rande der Veranstaltung war natürlich auch der Franzose Yannick Alléno zu finden. "Es ist immer toll, bei dieser Veranstaltung zu sein", sagt uns der "Rockstar" unter den Chefköchen. Zuletzt trafen wir den 50-Jährigen bei einem Tasting und einem Interviewtermin in Dubai. Und auch hier bei der Veranstaltung in Turin, stand er zusammen mit Martin Berasategui gerne für ein Gespräch zur Verfügung. Einen Tipp zum Ausgang der Veranstaltung ließen sich allerdings beide nicht aus den Rippen leiern.

Yannick Alléno (l.) und Martin Berasategui (m.) im Interview.
Yannick Alléno (l.) und Martin Berasategui (m.) im Interview.

 

Der Sieg geht an...

Der Lautstärke nach zu urteilen – wen wundert es – waren die Italiener beim Publikum einer der erhofften Mitfavoriten. "Aber auch Island war sehr stark", verriet uns Patrik Jaros noch vor der Urteilsverkündung. "Es ist eben wirklich notwendig, genügend Vorbereitungszeit zu investieren. Daran müssen wir arbeiten und vielleicht demnächst früher in die Vorbereitung gehen", so Jaros weiter. Und so überraschte es wenig, dass Marvin Böhm, der mit relativ wenig Vorbereitungszeit zum Bocuse d`Or kam, nicht den Schritt auf das Podium schaffte.

Den Platz an der Sonne erkämpfte sich das Team aus Norwegen mit Christian Andre Pettersen, dicht gefolgt von Schweden (Sebastian Gebrand) und von Dänemark (Kenneth Toft-Hansen) auf dem 3. Platz. Damit bewahrheitete sich die Vorahnungen von Patrik Jaros, der schon vor der Bekanntgabe die Skandinavier weit vorne sah.

Plate Norway...
Plate Norway...

 

Das abschließende Gala Dinner fand in einem mehr als würdigen Rahmen statt. Im Palast von Venaria Reale (Reggia di Venaria Reale) kamen über 600 geladene Gäste zusammen, um das Event würdig zu beenden. Der Palast, der seit 1997 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde, bot eine Atmosphäre, eingetaucht in ein illustres Farbenspiel und umrahmt von einem abwechslungsreichen Unterhaltungsprogramm, dass wohl so ziemlich jeder Anwesende so schnell nicht vergessen dürfte.

Und für einige der Anwesenden galt und gilt: Auf ein Wiedersehen in Lyon 2019!

Weitere Informationen unter:

Banca del Vino:https://www.bancadelvino.it/en
EDIT Restaurantkonzept: http://www.edit-to.com/en/
Bocuse d`Or: http://www.bocusedor.com/

 

Impressionen:

Fotos: Studio Julien Bouvier, Michael Schabacker, EDIT

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Zuletzt bearbeitet am 14/06/2018

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