Aus Estland, mit Liebe: Ööbiku und Põltsamaa

Die große Alternative an dem mit Radarfallen gespickten Weg nach Tallinn ist ein Einmann-Unternehmen: Dazu steht der Ööbiku Gourmetbauernhof in Kuimetsa fast ein wenig am Ende der Welt...

Doch ein gutes Navi hilft, um Chef Ants (Hans) Uustalu und seinen Hof Ööbiku (Nachtigall) zu finden. Sein heute etabliertes Popup–Restaurant entstand per Zufall: erst die Trennung von der Lebensgefährtin und das EU-Leader-Programm führten zum Hofkauf. Hie, in tiefster Provinz, hastet der gute Hans ganz auf sich allein, doch stets fröhlich, permanent zwischen Töpfen und Herdplatten in der Küche des Haupthauses und seinen quer über den Hof im zünftig umgebauten Nebenhaus harrenden Gästen hin und her.

Doch Ants ficht das marathonverdächtige Laufpensum nicht an: Als Koch mit Leib und Seele gelingt seit 2014 (Rang 26 von 1300 estnischen Restaurants) jährlich der neue Qualitätsbeweis. Es kommt eben auf die Zutaten und deren kurze Wege an! Nur 500 Meter weiter ist ein biodynamischer Bauernhof. Prima auch, dass abends Wildschweine direkt vor der Tür auftauchen. So landen sie natürlich auch auf der Speisekarte.

Der mit Salz und Essig marinierte Weißfisch stammt aus dem nahen Fluss, und Salat gibt es bei Ants nur saisonal. Seine »Herbstplatte« setzt dagegen auf Kürbis, Roter Bete, Ziegenkäse. Das klasse, mit Nüssen versetzte Gerstenbrot backt seine vor Ort lebende Tante: Einst galt es als »Arme-Leute-Brot«, wurde als »Keksbrot« belächelt Die Bouillon darf bei Ants achteinhalb Stunden ziehen – denn hier geht mit Ausnahme des Servierens alles geruhsam zu. Für das Wildschweingericht mit Karotten, Erbsen und Kartoffeln musste der Braten vier Stunden auf kleiner Flamme schmoren. Dazu gibt es Weißwein (Vahuveinid) und Rotwein (Punaveinid), am besten den Primitivo aus Apulien. Noch vor dem Calvados hat Ants noch eine weitere Spezialität auf Lager: Eiscreme aus Enteneiern. Milch (0,5 l), 1 l Creme, zehn Eigelbe von Enteneiern, ein wenig Gerste: Voila! Die fünf Gänge gibt´s beim Einzelkämpfer aus Leidenschaft für fast unschlagbare 55 €!

Zum Knutschen: im Põltsamaa Lossi, der alten Schlossburg Oberpahlen

Weiter in Richtung Tartu taucht zur Linken die unscheinbare Kleinstadt Põltsamaa (ca. 4700 Einw.) im estnischen Kreis Jõgeva auf. Hier dreht sich erst einmal alles um ein gewaltiges Trumm, die Schlossburg, Põltsamaa Lossi.

Hinein durch das Tor in die Schlossburg…
Hinein durch das Tor in die Schlossburg…

 

Sicher war der Ort, an dem ein Otto von Rodenstein im Auftrag des Deutschen Ordens 1272 ein erstes Kastell nach antikem Vorbild römischer Limes-Befestigungen anlegte, schon zuvor bewohnt. Denn schon 1234 war hier ein Mönch Eggehard auf christlicher Missionierungstour gestrandet. Da hieß der Ort noch Mochu, estnisch Möhu, das sich durch den Ort schlängelnde Flüsschen, heute der Põltsamaa, hieß damals Möhkjögy. Die Rittersleut entschieden sich dann aber doch für den Flussnamen Pala, deutsch Pahle.

Heute überspannen das gemächlich dahinfließende Wasser 18 Brücken allein in Põltsamaa, die Dammbrücke im Ortszentrum erhielt 2013 sogar eine Fischleiter. Herr von Rodenstein und seine Ritter entschieden sich damals aber folgerichtig auch dafür, das auf viereckigem Grundriss wie ein zur Verteidigung erbautes Oppidum Oberpahlen zu taufen: hinter, besser noch über der Pahle erbaut. Damals gab es noch nicht diese riesigen Umfassungsmauern, sie entstanden erst im 14./15. Jh., als die neu aufgekommene Artillerie dies verlangte. Später kamen auch zwei mächtige Kanonentürme mit vier Meter dicken Mauern hinzu. Doch den einen am Nordeingang zur Burg ließ schon Schweden-Feldmarschall Hermann von Wrangel, er erhielt das Gut als Geschenk, 1633/34 in die neue lutherische Kirche integrieren. Die ist heute komplett restauriert und eigentlicher erster Blickfang des Gesamtkomplexes. Wie ein bunter Fremdkörper ragt sie aus der gewaltigen Steinmasse der Burg hervor, deren ursprüngliche Mauern niedriger, dafür aber mit Wehrgängen auf beiden Seiten der Umfriedung ausgestattet waren.

Dass dies Gotteshaus überhaupt steht, ist zwei Wundern zu verdanken. Erstens überstand es den Luftangriff vom 14. Juli 1941 und die Rückeroberung durch die Russen 1944 halbwegs. Das zweite Wunder geschah, als der junge Pfarrer Herbert Kuurme die Sowjetverwaltung tatsächlich vom Wiederaufbau des Gotteshauses überzeugen konnte, was bis 1952 geschah. Das Innere erhielt sogar die Ausstattung der Universitätskirche von Tartu, dem alten Dorpat. Dafür hatten dann die Studenten der einst zehntgrößten deutschen Universität keine Kirche mehr.

Ab 1990 fand dann ihre Generalrestaurierung des Gottesshauses statt, während die Hauptburg, einst berühmt für ihre Marmorsäle, zu großen Teilen weiterhin in Trümmern liegt. Nur die Burgmauern und angrenzende Gebäude am Burghof wurden komplett wiederaufgebaut. Klar: Põltsamaa Lossi lag wie der ganze Ort 1944 zu 75 Prozent in Schutt und Asche, In Oberpahlen war, um es mit Walter Kempowski zu sagen, »alles in Dutt«! Und vieles hat sich nicht so rasch regeneriert wie der herrliche Schlosspark und die Natur am Schlossteich: Die romantische Anlage hatte ein anderer Schlossherr, Woldemar Johann von Lauw, ab 1750 anlegen lassen.

Der Pechvogel, er hatte in Jena studiert, hatte zwar 1737 bei der Belagerung einer Festung den linken Arm verloren und 15 Wunden davongetragen, als Major A.D. dann aber Aurora, die jüngste der fünf Töchter des aus Hamburg stammenden Schweden (!) Heinrich von Fick geheiratet – und mit ihr ein Riesenvermögen. Fick selbst war Reformer und russischer Staatsrat unter Peter dem Großen, hatte schwedische Staatsgeheimnisse an den Zaren verraten, die er in Röcken und Unterwäsche seiner Gattin nach St. Petersburg schmuggelte, war dann aber in Ungnade gefallen und nach 9 Jahren in Sibirien 1720 hierher gegangen. Fortan sollte hier das Mustergut für alle Güter im Zarenreich entstehen – was tatsächlich gelang!

Die Kleinstadt selbst auch heute noch regen Renovierungsbedarf. Doch das historische Erbe wurde in den 1990er Jahren restauriert, auch die kuriose, 1894 aus Feldsteinen im Stil der norddeutschen Backsteingotik, aber mit Zwiebeltürmchen erbaute russisch-orthodoxe Kirche an der Schlossstraße, der Lossi. Auch das berühmte Gymnasium, es entstand aus der ersten Schule in dem nahe dem Schloss erbauten Herrenhaus, ist wieder voll aktiv. Denn Oberpahlen hat eine lange pädagogische Vergangenheit, für die erstmals Wrangel-Gattin Christina, geborene Wasaborg und Enkelin des Haudegens aus dem Dreißigjährigen Krieg, König Gustav II. Adolf, mit einer Schule ab 1680 sorgte.

Dann kam 1763 der in Weimar geborene Pfarrer August Wilhelm Hupel, auch er hatte in Jena Theologie studiert, und setze das Schulgesetz von 1765 mit Bravour und Folgen für Generationen nicht immer glücklicher Schüler um. Für die Esten schuf Hupel die erste Zeitschrift, sammelte Nahrichten und sortierte die Grammatik. Carl Magnus Sohn Jacob Heinrich von Lilienfelds, eines weiteren glücklichen Schwiegersohns des töchterreichen Heinrich von Fick, hielt erstmals estnische Trachten auf einem Stich fest.

Das sich beim Küssen verschmelzende Paar...
Das sich beim Küssen verschmelzende Paar...

 

Wie schmuck und prachtvoll Oberpahlen einst war, zeigt das von einer zeitgenössischen Künstlerin angefertigte Ölgemälde nach einer Original-Gravur von Riedel aus dem Jahr 1800. Es hängt in dem am Burghof öffnenden Burgmuseum, das zudem mit einem einzigartigen Schatz aus der ersten Kirche in Oberpahlen aus dem 13. Jh. Die Skulptur, früher wohl ein Säulendekor, zeigt ein sich beim Küssen verschmelzendes Paar – nicht nur in Estland ist dieser Kuss von Põltsamaa (Põltsamaa Kiss) berühmt. Im Sammelsurium des Museums sind auch Kinostühle aus den 1980er Jahren, Waffen, Mörser und Steinkugeln, ein Webstuhl, ein 100 Jahre altes Harmonium, auf dem man spielen darf, oder eine heimlich aufbewahrte estnische Flagge von 1930 zu sehen. Dramatisch ist die gerade erst entdeckte, auf einem Holzbrett verfasste Inschrift eines 23-jährigen Dorfbewohners von 1944.

Manche Heimatforscher in Põltsamaa glauben gar, dass Oberpahlen Geburtsort der estnischen Flagge war, die Schulleiter und Schüler aus den Farben Blau (»Treue«), Schwarz (»Ernsthaftigkeit«) und weiß (»Reinheit«) entwickelten. Aber das reklamieren auch Tartus historische Studentenbünde für sich.

Oberpahlen – einzige Königsburg Estlands

Einig sind sich hingegen alle, dass Oberpahlen das einzige Königsschloss Estlands ist. Bis 1561 hatten hier die Ordensritter regiert, dann kam 1570 in den Folgewirren Magnus (1540 – 1583), Kronprinz von Dänemark und Norwegen, Herzog von Holstein. Er war leider kein Hamlet, eher ein wilder Kerl und Tunichtgut, der am Ende sein Vermögen verprasste und Frau und Tochter Eudoxia (1581 – 1588) in Armut zurückließ.

Magnus, er war durch Titelankauf auch Bischof von Oesel-Wieck, heute Estlands Insel Saaremaa, hatte mit Zar Iwan IV., dem Schrecklichen, gedealt. Der gab ihm im Livländischen Krieg, auch erster Nordischer Krieg genannt, 1570 die Reste des Ordensreichs, ernannte Magnus zum König von Livland und gab ihm ein Heer von 25 000 Mann, um Reval (heute Tallinn) zu erobern und Polens König in Schach zu halten. Magnus wählte Oberpahlen als Residenz, sein Heer lagerte nahebei auf einem Hügel, der bis heute Kuningamägi, Königsberg heißt. Magnus war schlau und heiratete zudem die erst 13 Jahre Fürstin Maria (Marie) Wladimirowna Staritzkaja, Tochter des Fürsten von Staritza und Nichte Iwans. Für seine Kinder hätte der Zarenthron herausspringen können. Doch dann vermasselte Magnus alles, trieb doppeltes Spiel mit Polens König, erzürnte Iwan und floh 1578 vor ihm samt Gattin in einem Kahn nach Riga. Kein Wunder daher, dass die Burg am Ende an eine andere russische Fürstenfamilie, die Gagarin ging, die zu Estlands endgültiger Unabhängigkeit (1920) besaß.

Informationen:

Vor der Reise:
Estonian Tourist Board (Enterprise Estonia), Lasnamäe 2, 11412 Tallinn, Estland, Tel. +372 6 27 97 70, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitestonia.com/de 

Programm 100 Jahre Estland im Jahr 2018: www.ev100.ee; www.visitestonia.com/de/uber-estland/100-jahre-estland-1 

Vor Ort:
Tourismusinformation/Burgmuseum Põltsamaa, im Burghof (Lossihoov) Põltsamaa (Schlossburg Oberpahlen), Lossi 1b, 48103 Põltsamaa, Tel. +372 5 29 33 07, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it., www.visitpoltsamaa.com, www.muuseum.visitpoltsamaa.com;
Öffnungszeiten: 15. Mai – 15. Sept. tgl. 10.00 – 18.00, sonst Mo. – Sa. 10.00 – 16.00 Uhr; Eintritt: 5 €; mit Rosengarten (3000 Rosen), Kunsthandwerksladen und Galerie

Estonian Culinary Route (Estnische kulinarische Route): www.toidutee.ee/en 

Anreise:
Nordica: www.nordica.ee; Call Center Tallinn, Tel. +372 66 4 22 00, This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.; Mo. – Fr., So. 8.00 – 22.00, Sa. 8.00 – 19.00 Uhr geöffnet; Customer Service Centre Tallin Airport: Mo., Mi., Sa. 5.00 – 18.30, Di., Do. 5.00 – 20.45, Fr. 5.30 – 20.45, So. 5.00 – 21.30 Uhr
Direktflüge z. B. von München, Wien, Berlin, Hamburg und Amsterdam nach Tallinn. Mitglied der Star Alliance (Miles & More)

Estnische Spezialitäten:
In den Nordica-Fliegern oder bei
Hää Eesti Asi (Goods of Estonia), Aia 1/Viru 23, Tallinn, Tel. +372 56 97 64 11, https://et-ee.facebook.com/heaeestiasi; tgl. 10.00 – 20.00 Uhr
Flughafen Tallinn: Goods of Estonia, Lennujaama tee, 11101 Tallinn, Tel. +372 56 97 64 12, www.tallinn-airport.ee/en/shops/; Öffnungszeiten: tgl. 40 Minuten vor erstem Abflug bis zum Abflug des letzten Fliegers geöffnet

Fotos: Jürgen Sorges

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Zuletzt bearbeitet am 05/01/2018

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