"Some like it hot…" – Kulinarischer Roadtrip durch Jamaikas Küchen – Teil 1

Als Christoph Kolumbus am 5. Mai 1494 in St. Ann´s Bay als erster Europäer jamaikanischen Boden betrat, machte sich unter seinen Männern bald Ernüchterung breit...

Statt des erhofften Eldorados, stießen die Konquistadoren auf ein von dichten Wäldern und hohen Bergen bedecktes Inselparadies, dessen Ureinwohner Gold und funkelnden Steinen keinerlei Bedeutung beimaßen. Blind für die atemberaubende Naturschönheit des Eilands, hissten die Entdecker bereits nach wenigen Wochen wieder enttäuscht die Segel, um ihr Glück an einer anderen Küste zu suchen.

Erst 15 Jahre später kehrten spanische Siedler unter Führung von Juan de Esquivel auf die vielleicht schimmerndste Perle unter den Antillen Inseln zurück und endeckten den wahren Reichtum des Eilands. Denn auf den fruchtbaren Kalk- und Vulkansteinböden Xaymacas, wie die Eingeborenen Taino-Indianer ihre Heimat nannten, gediehen Süßkartoffeln, Baumwolle, Tabak und Maniok beinahe von selbst. Deshalb machten wechselnde Kolonialherren, allen voran die Briten, die die Insel 1655 von den Spaniern erobert hatten, unzählige Exoten und Gewürze, die sie aus ihren Überseeterritorien in Asien, Afrika und der Südsee mitgebrachten, auf der Insel heimisch, bis den Kolonisten Papaya, Mango, Zuckerrohr, Ananas, Brotfrucht, Plantain, Kokosnuss, Avocado, Bananen und allerlei Früchte mehr sprichwörtlich in den Mund wuchsen. In nicht einmal zweihundert Jahren verwandelte sich Jamaika so in einen wahren Garten Eden.

Coronation Market

An keinem anderen Ort der Insel ist diese atemberaubende Vielfalt, von der Einheimische wie Touristen bis heute profitieren, greifbarer, als auf dem Coronation Market in Downtown Kingston – mit mehr als 800 Händlern der größte seiner Art in der englischsprachigen Karibik. Vor allen an Samstagen verwandeln sich die gusseisernen Markthallen und die engen Gassen zwischen den unzähligen Bretterbuden in einen brodelnden Hexenkessel. Dazu wummern aus unzähligen Boxen in ohrenbetäubender Lautstärke Reggae Beats, während über allem der süße, schwere Duft von Ganja liegt, jenes legendären jamaikanische Marihuanas, das erst vor kurzem auf der Insel legalisiert wurde.

Markt auf Jamaika: farbenfroh geht's zu an den exotischen Ständen.
Markt auf Jamaika: farbenfroh geht's zu an den exotischen Ständen.

 

Tatsächlich spielt der "Bauch Jamaikas" im Alltagsleben, aber auch für das Selbstverständnis der rund 800.000 Einwohner zählenden Inselhauptstadt, bis heute eine zentrale Rolle. Und natürlich spiegelt sich die ungeheure Fülle des Angebots, zu dem neben Obst, Gemüse und exotischen Gewürzen auch Fleisch, Fisch, sowie jede Menge Küchenutensilien gehören, ebenso in der jamaikanischen Küche wieder, in der europäische, afrikanische und asiatische Einflüsse zu einem typisch karibischen, Aromenmix verschmelzen. Zu den wichtigsten Würzzutaten gehört, neben feurigen Scotch Bonnet Peppers und hocharomatischem jamaikanischem Ingwer, vor allem Piment, dessen Geschmack an eine Mischung von Pfeffer, Zimt, Nelken und Muskat erinnert - daher auch sein englischer Name Allspice.

Hot, hotter, Jerk!

Ganz oben auf der kulinarischen Hitliste der Einheimischen steht Jerk. Weniger eigenständiges Gericht, als vielmehr eine traditionelle, bereits vor Jahrhunderten von den Sklaven aus Afrika mitgebrachte Gar- und Konservierungsmethode, werden dafür Hühnchen, Schweinefleisch, aber auch Würste und Seafood zunächst mit einem trockenen Jerk Rub oder einer Jerk Paste eingerieben. Anschließend wird das marinierte Fleisch auf offenen Rosten, abgedeckt mit einer Art Wellblech, über einem Feuer aus aromatischem Sweet- oder Pimentowood über mehrere Stunden hinweg passiv im Rauch gegart.

Zur Not tut es aber auch ein halbiertes Ölfass, in das glühende Kohlen gefüllt und die anschließend mit zuvor eingeweichten Pimentobeeren zum Qualmen gebracht werden. Auch wenn jedes Jerk Center, wie die unzähligen Road Side BBQs auf Jamaika genannt werden, mit einer "garantiert einmaligen" Gewürzmischung um Kunden buhlt, spielen auch hier fast immer Piment, Scotch Bonnet Pepper und Ingwer, ergänzt um Nelken, Zimt, Muskatnuss, Thymian, Knoblauch, Salz und braunen Zucker eine tragende Rolle. Zwei besonders empfehlenswerte Adressen sind das etwas abseits an einer Ausfallstraße in Montego Bay gelegene Scotchie´s oder das Boston Jerk Center, nur wenige Schritte vom gleichnamigen, hufeisenförmigen Boston Beach.

Boston Jerk Stop: Tradition auf Jamaika.
Boston Jerk Stop: Tradition auf Jamaika.

 

Typische Beilagen, die zu Jerk, aber auch vielen anderen typischen Inselspezialitäten gereicht werden, sind Süßkartoffeln, Rice & Peas (ein mit Kokosmilch und diversen Gewürzen gekochter Mix aus Reis und Bohnen), Brotfrucht, Kochbananen, Bammy genannte, in Fett ausgebackene Maniokfladen oder Festival, ebenfalls frittierte, leicht süßlich schmeckende Teigfinger.

Heruntergespült wird das Ganze mit ein paar Flaschen des lokalen Red Stripe Brew. Aber auch frisches Kokoswasser gibt einen exzellenten Begleiter ab und mildert die Schärfe der ebenfalls als Beilage gereichten Jerk Sauce. Überhaupt gibt es im tropischen Inselklima kaum einen besseren Durstlöscher als dieses erfrischende und von Natur aus isotonische Lebenselixier, das man an zahlreichen Straßenständen direkt aus der grünen Schale schlürfen kann, die der Verkäufer zuvor mit wenigen kunstvollen Machetenhieben öffnet.

Ackee n´Saltfish

Ein Muss für echte Foodies ist auch Jamaikas Nationalgericht Ackee n´Saltfish. Tatsächlich erinnert Ackee in Optik, Konsistenz und Geschmack ein wenig an Rührei. Sautiert in Schweinefett mit reichlich Zwiebeln, Tomaten, Scotch Bonnet Pepper und gereicht mit knusprigem Speck, frischen Tomaten und Callaloo – eine Art bitterer Mangold, genießt man Ackee meist schon zum Frühstück. Die Ackee-Frucht ist in unreifem Zustand allerdings giftig - öffnet man die Schale gewaltsam, entweicht ihr ein potentiell tödliches Gas. Reif ist die Frucht allerdings harmlos.

Fischliebhaber dagegen sollten Escovitch probieren – dafür wird leicht mit Mehl bestäubter Yellowtail oder Grey Snapper in reichlich Öl herausgebacken und mit einer erfrischenden, feinsäuerlichen Marinade aus Essig, Zwiebeln, Piment und etwas Wurzelgemüse aufgetischt, was geschmacklich ein wenig an sauren Brathering erinnert.

Jamaika-Food vom Grill...
Jamaika-Food vom Grill...

 

Um authentisch jamaikanische Spezialitäten stilecht zu genießen, sind das farbenfrohe Miss T´s in Ocho Rios und das winzige Soldier Camp Bar & Grill in Port Antonio erste Wahl. Während Miss T´s auf der ganzen Insel für den geschmorten Ochsenschwanz, aber auch Curry Goat - würziges Ziegencurry - bekannt ist, kann sich Everold Daley vom Soldier Camp rühmen, eines der besten Coconut Shrimp Curries Jamaikas zu servieren.

Aber auch Escovitch oder die mit vielen Kräutern und Knoblauch gebratenen Peppered Shrimp (Flusskrebse) sind bei ihm besonders lecker. Ebenfalls probieren sollte man die mit Fisch, Fleisch oder Gemüse gefüllten Patties, die Jamaikaner gerne als schnellen Snack zwischendurch verdrücken.

Übrigens: Da Fleisch auf Jamaika meist samt Knochen und in mundgerechte Stücke zerhackt serviert wird, muss man beim Essen immer ein wenig aufpassen, keine Knochensplitter zu verschlucken.

Mehr rund um Jamaikas aufregende Inselküche und das schwarze Gold aus den Blauen Bergen, sowie weitere nützliche Kontakte und Adressen in Teil 2 der Reportage.

Allgemeine Tipps rund um einen Jamaika-Trip:
www.visitjamaica.com

Food Tipps:
Coronation Market Kingston – Pechon Street, Montag bis Samstag ab 7.00 Uhr.
Soldier Camp Bar & Grill - 83 Red Hassell Road, Port Antonio, Jamaica
Miss T´s - www.misstskitchen.com
Scotchie´s - Falmouth Road gegenüber des Montego Bay Holiday Inn
Boston Jerk Center – www.bostonjerkcenter.com

 

Impressionen:

 

Fotos: Thomas Hauer, Jamaica Tourist Bord, Susanne Wess

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Zuletzt bearbeitet am 02/09/2017

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Autor

Thomas Hauer

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