Der Gott des Rausches lässt grüßen

Der Schluck aus der Pulle war erst kräftig, dann umwerfend, im wahrsten Sinne des Wortes. Einer der beiden jugendlichen Hirten liegt bereits auf dem Boden, der andere hält den Becher noch in der Hand - gleich schießt er sich ebenfalls ins Aus…

Das Getränk war beiden gänzlich unbekannt, die Wirkung aber umso durchschlagender. Wein, von Ikarios, so wird es jedenfalls in einer Legende erzählt. Die griechische Sagengestalt sollte im Auftrag von Dionysos, dem Gott des Rausches und der sinnlichen Lebenslust, den Rebenanbau einführen. Und machte aus den ersten Konsumenten zugleich die ersten Betrunkenen – zumindest in der Kunstgeschichte.

Das feucht-fröhliche Geschehen wurde in einem opulenten Bodenmosaik verewigt, das einmal zu einer römischen Villa gehörte. In seiner Mitte zeigt es Ikarios. Er führt zwei Ochsen, die einen Wagen voller Weinschläuche aus Ziegenbälgen ziehen. Von der von der Prähistorie bis zum Mittelalter reichen die Fundstücke und Relikte im archäologischen Park von Pafos im Südwesten von Zypern, er ist seit 1980 UNESCO-Weltkulturerbe und somit wohl eine der Hauptattraktionen der östlichsten Mittelmeerinsel.

Vor allem die Mosaike aus vier römischen Villen sorgten dafür, dass der Ort Kulturhauptstadt wurde, sagt Guide Stelios Efstathiou.  So wie später Teppiche dienten die prächtigen Abbildungen den betuchten Hausherren meist als Statussymbol - Mythen und Legenden als Bodenbelag. Das einstige antike Zentrum der ansonsten eher modernen Hafenstadt ermöglicht so einen Rundgang durch die antike Sagenwelt. Zwischen den Mauerresten leuchtet es rot und gelb, der Frühling sorgt für eine wahre Blumenpracht, dahinter schimmert blau das Mittelmeer.

Zwar gilt Attika als Schauplatz der Ikarios-Sage, doch Zypern wäre auch ein geeigneter Ort gewesen. Seit rund 5000 Jahren wird hier Wein angebaut, die Insel gilt als Wiege der Weinproduktion, zumindest, was den gesamten Mittelmeerraum anbelangt. 16 Traubensorten gedeihen hier, unter anderem die seltene Maratheftiko. Und nur hier gibt es den wohl ältesten Markenwein der Welt, da durchgängig produziert, wie der Weinführer "Der Kleine Johnson" zu wissen glaubt.

Der Commandaria Dessertwein.
Der Commandaria Dessertwein.

 

Commandaria, ein alkoholreicher Dessertwein, das eigenwillig-intensive Aroma erinnert entfernt an süßen Sherry. Hergestellt wird er aus zwei autochthonen Rebsorten, der roten Kypreiko, die auf Zypern "Mavro", also "Schwarz" heißt, und bzw. oder der weißen Xynisteri. "Man muss Commandaria eiskalt genießen", empfiehlt Charis Athinodrou. Der Winzer sieht in dem Traditionstropfen Zyperns Antwort auf Port. Um den Zuckergehalt zu erhöhen, werden die Trauben sehr spät geerntet und bis 20 Tage lang in der Sonne getrocknet, erklärt er.

Es ist ein geschichtsträchtiger Wein, seine Ursprünge gehen angeblich auf 800 vor Christus zurück, später mundete er vor allem den Kreuzrittern. Richard Löwenherz soll die Eroberung Zyperns und seine Vermählung mit Berengaria von Navarra in Limassol mit reichlich Commandaria gefeiter haben. Begeistert pries er den Trank als "Wein der Könige und König der Weine". Als Namensgeber für den edlen Tropfen gilt die Kreuzritter-Festung von Kolossi, die bald als Verwaltungszentrum für die umfangreichen Ländereien der Umgebung diente und so als "La Grande Commanderie" (Die Große Kommandantur) bekannt war. Der Legende nach war Commandaria derart berühmt, dass er im 13. Jahrhundert sogar die vom französischen König Philipp II. abgehaltene "Schlacht der Weine" gewann, den ersten dokumentierten internationalen Weinwettbewerb.

Profitis Elias, die Weinkellerei von Charis, liegt an den Südhängen des Troodos-Gebirges, dem traditionellen Weinanbaugebiet der Insel, nahe dem Dorf Agios Nikolaos. Den Betrieb hat er von seinem Vater übernommen. Stolz deutet der Winzer auf einen vergilbten Zeitungsartikel mit Foto, vermutlich aus den frühen 70ern, vermutlich aus einer überregionalen deutschen Gazette. Er verstaubt nicht in irgendeiner Schublade, sondern hat in dem modernen Bau seinen Ehrenplatz gefunden. Gerahmt und hinter Glas hängt er an der Wand.

An dem Weingut, das über gut 13 Hektar Anbaufläche verfügt, führt die Weinstraße vier vorbei. Die edlen Tropfen sind ein fester Bestandteil des kulinarischen Tourismus, auf den Zypern neben Kultur und Erholung neuerdings setzt. Sieben Routen führen zu 41 Weingütern, vornehmlich im Südwesten der Insel. Pech für den, der am Steuer sitzen muss. Charis greift zu seinem Glas. Stin igia sou. Auf Deine Gesundheit, Prost.

 

 

Fotos: Fritz Hermann Köser

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Zuletzt bearbeitet am 09/08/2017

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